Grenchen

Wegen «überraschender» Kündigung: Das Künstler-Archiv muss umziehen

Vereins-Vizepräsident Hanspeter Crivelli inmitten der Werke, die das Künstler-Archiv an der Wiesenstrasse verwaltet.

Vereins-Vizepräsident Hanspeter Crivelli inmitten der Werke, die das Künstler-Archiv an der Wiesenstrasse verwaltet.

Nach einer «überraschenden» Auflösung des Mietvertrags muss der Verein, der Kunstwerke sammelt, seinen Standort an der Wiesenstrasse 23 verlassen. Das Künstler-Archiv fordert eine Mieterstreckung – laut dem neuen Besitzer der Liegenschaft ist diese aber nicht zulässig.

Wiesenstrasse 23 in Grenchen. Standort des Grenchner Künstler-Archivs und Zankapfel dieser Geschichte. Der Grund: Am 1. Oktober wechselte das Gebäude seinen Besitzer. Die Espace Real Estate AG verkaufte die Liegenschaft an die Wiesenstrasse 23 AG in Luzern. Der neue Besitzer will das Gebäude renovieren und günstige Mietwohnungen einbauen. Die bisherigen Benutzer des Gebäudes müssen umziehen. Auch das Künstler-Archiv. «Wir wussten immer, dass wir hier raus müssen, sobald hier mal umgebaut wird», sagt der Vizepräsident des Vereins, Hanspeter Crivelli, der gestern vor Ort anzutreffen war. Er habe aber nicht damit gerechnet, dass die Kündigung diesen Herbst erfolgt. Schliesslich liessen sich all die Kunstwerke, die sich im Gebäude an der Wiesenstrasse befinden, nicht «vom einen auf den anderen Tag» zügeln, sagt Crivelli und deutet auf Gipsskulpturen, die einen ganzen Raum des Gebäudes füllen.

Mieterstreckung als letzter Ausweg

10'000 Bilder, 20'000 Ansichtskarten und noch einmal so viele Bücher befinden sich in dem Haus. Der Verein erhält sie von Galeristen oder Nachkommen verstorbener Künstler aus der ganzen Schweiz für die Sammlung, die der frühere Galerist Toni Brechbühl gegründet hat (siehe Box). Das Gebäude an der Wiesenstrasse wurde 1965 von Crivellis Vater für Wohnungen von Saisonniers erbaut. Crivelli und sein Bruder übernahmen Familienunternehmen und Liegenschaft. Nach ihrer Pension vor rund zehn Jahren ging das Gebäude an die Espace Real Estate und Crivelli und der Verein zügelten das gesamte Künstler-Archiv hinein. Die Espace Real Estate habe das Haus als Abbruchobjekt bezeichnet, sagt Crivelli. Deshalb habe das Künstler-Archiv gewusst, dass es nicht für immer bleiben kann.

Er habe aber ein «ungutes Gefühl» gehabt, als die Liegenschaft im Oktober verkauft wurde, so Crivelli. In der dritten Oktoberwoche hätten er und die restlichen Bewohner des Gebäudes – der Militärverein, der seit 52 Jahren im obersten Stock angesiedelt ist, sowie sieben weitere Mieter der Wohnungen im obersten Stockwerk – dann auch die Kündigung erhalten. Bis Ende April müssen sie ausziehen. Im Mietvertrag, den der neue Besitzer des Gebäudes übernommen hat, steht zwar, das Künstler-Archiv könne keine Mieterstreckung anfordern, sollte dem Verein im Rahmen eines Umbaus gekündigt werden. Crivelli und der Vorstand haben es trotzdem getan. Weil der Mietvertrag schon neunjährig sei, sollte das mit der Mieterstreckung kein Problem sein, erklärt er. Wieso eine Mieterstreckung und nicht zuerst ein Gespräch mit dem neuen Besitzer? Es könne sein, dass dieser ihn mal angerufen habe, als er nicht da gewesen sein, meint Crivelli. Aber bei der schnellen Kündigung sei man der Meinung gewesen, dass ein Gespräch auch nichts mehr bringe und nur noch eine Mieterstreckung helfe.

Das sagt der neue Besitzer

Der neue Besitzer sieht das anders. Die Wiesenstrasse 23 AG wird vertreten durch Lars Dubach, Luzerner Anwalt mit Kanzleien in Zürich, St. Gallen und Nidwalden. «Die Kündigung erfolgte, nachdem die Mieterschaft auf meine Anrufe nicht reagierte und offenbar kein Interesse an einer gemeinsamen Lösung hatte», schreibt Dubach auf Anfrage. Dubach sagt auch, dass laut Mietvertrag keine Mieterstreckung möglich ist. «Die Mieter haben sich bedauerlicherweise nicht an ihren Teil der Vereinbarung gehalten», so Dubach. «Durch das längere Verbleiben des Künstler-Archivs in den Räumlichkeiten, ohne einen Mietzins zu bezahlen, würde das Gesamtprojekt verzögert», schreibt Dubach – da die bisherige Besitzerin dem Verein den Mietzins teilweise erlassen hat. Das Gesamtprojekt würde durch eine Verzögerung durch den Verein teurer. Dieses «Gesamtprojekt» umfasst die Grundstücke ober- und unterhalb des Viadukts – am Oelirain und der Wiesenstrasse. Dort soll günstiger Wohnraum entstehen.

Noch läuft das Verfahren um die Mieterstreckung. Nächstes Jahr soll entschieden werden, ob das Künstler-Archiv noch mehr Zeit kriegt, um einen neuen Standort zu finden, oder Ende April umziehen muss. Derzeit laufen Gespräche mit der Stadt. Im Januar sollen erste mögliche neue Standort besprochen werden.

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