Grenchen
Wegen Raubüberfall Geschäft aufgegeben: Jetzt besucht der Goldschmied seine Kunden zu Hause

Er hat sein Geschäft in Grenchen nach einem Raubüberfall und mehreren Versuchen aufgegeben. Damit er seinen Beruf weiterhin ausüben kann, geht der Goldschmied Oliver Leuenberger einen ungewöhnlichen Weg.

Daniela Deck
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Goldschmied Oliver Leuenberger in seinem Atelier, das er an einem geheim gehaltenen Ort eingerichtet hat.

Goldschmied Oliver Leuenberger in seinem Atelier, das er an einem geheim gehaltenen Ort eingerichtet hat.

Michel Luethi

Vor einem Monat hat er sein Geschäft in der Bettlachstrasse aufgegeben. Nun besucht er seine Kunden daheim. Ihre Schmuckstücke entwirft und fertigt der Goldschmied in einem Atelier. «Noch bin ich in der Umbruchphase», sagt Oliver Leuenberger. Die Reaktionen, die er bisher von Kunden bekommen hat, machen ihm Mut. «Die Leute schätzen es, wenn ich zu ihnen gehe. Da ergeben sich gute Gespräche, und ich sehe gern, wie die Kundinnen und Kunden leben. Das hilft mir bei der Arbeit.»

Als grossen Vorteil beurteilt Leuenberger, dass es nun im Kundenkontakt keinen Zeitdruck mehr gibt; keine Ladenglocke, die jemanden mitten im Gespräch in die Flucht schlägt, weil der oder die Nächste hereinkommt.

Ausverkauf als Befreiungsschlag

Ein bisschen Wehmut empfand er schon, als er die Vitrinen geräumt hat. Wie Oliver Leuenberger seine Kreationen in Zukunft ausstellen kann, weiss er jetzt noch nicht. Sein neues Atelier steht dafür nicht zur Debatte. Schliesslich hat er sich aus Sicherheitsgründen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Interessenten erreichen ihn künftig per Telefon oder E-Mail. Möglichkeiten zur Präsentation seiner Arbeiten sieht er in Zusammenarbeit mit Hotels, zum Beispiel in Spiez, wo er bereits einmal ausgestellt hat. Auch gesicherte Mietvitrinen für Bijouterieartikel, etwa in Biel, eröffnen Perspektiven. In Grenchen dürfte es mit dem Ausstellen nach seiner Einschätzung schwierig werden.

Der Totalausverkauf an den letzten zwei Wochenenden im September hat dafür gesorgt, dass Leuenberger derzeit praktisch keine Lagerbestände hat, hingegen eine erfreuliche Liste von Aufträgen. «Der Ausverkauf war für mich wie ein Befreiungsschlag», sagt der Goldschmied. Die Unterstützung, die er von seiner Stammkundschaft erfuhr, habe die emotionale Achterbahnfahrt beendet, die ihm seit dem brutalen Überfall im Frühling 2016 zu schaffen machte. Im Moment könne er sich beruflich so richtig austoben: «So hat mich zum Beispiel eine Exil-Grenchnerin, die nun im Tessin lebt, beauftragt, Anhänger in Tierform zu machen: Eulen, Mäuse, Katzen, Seepferdchen – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.»

Das Erbe des Vaters erhalten

«Ich hänge sehr an meinem Beruf. Der Entscheid, das Geschäft aufzugeben, war nicht freiwillig. Aber dort war ich quasi auf dem Silbertablett, völlig ungeschützt. Wie ich mich jetzt eingerichtet habe, kann ich mich unbelastet meiner Arbeit widmen. So bleibt auch das Erbe meines Vaters erhalten, der das Geschäft in den Sechzigerjahren aufgebaut hat. Ich habe Zugang zu einem Atelier in Biel, wo ich gearbeitet habe, nachdem ich mit Freunden und einem Wachmann kurz vor Weihnachten den letzten Einbruchsversuch abgewehrt habe», erklärt Oliver Leuenberger seinen Entschluss. Dass das Geschäft in der Bettlachstrasse anschliessend noch so lange Bestand hatte, erklärt er mit der einjährigen Kündigungsfrist des Lokals.

Die Neuorientierung sieht Leuenberger als Chance: «Ich will mehr unter die Leute, auch abseits meiner Arbeit.» Zusammen mit einem Cousin lebt Leuenberger in einer Wohngemeinschaft irgendwo in der Region und schätzt zudem den engen Kontakt zu den Kindern seines Wohnpartners.

Kontakt zu Oliver Leuenberger: Tel. 079 512 95 90, E-Mail: leuenberger.oliver@gmail.com