«Bund und Kantone setzen sich in Ergänzung zu persönlicher Verantwortung und privater Initiative dafür ein, dass ... Wohnungssuchende für sich und ihre Familie eine angemessene Wohnung zu tragbaren Bedingungen finden können.» Dieses Sozialziel steht in Artikel 41 der Bundesverfassung.

Damit, dass dieses Ziel auch in der Schweiz für längst nicht alle erreicht ist, beschäftigte sich am Donnerstag die Fachtagung der Grenchner Wohntage im Parktheater. Vorträge befassten sich unter anderem damit, was die öffentliche Hand tun kann. Die Instrumente in der Schweiz reichen von Subventionen für den Sozialwohnungsbau über das Angebot städtischer Wohnungen bis zu Wohnkostenzuschüssen oder finanziellen Garantien (wie Solidarhaftung gegenüber Vermietern). Wohnbaugenossenschaften gehen das Problem von privater Seite an.

In Grenchen ist das Thema insofern von Interesse, als die Stadt selber auf dem Wohnungsmarkt als Vermieterin auftritt. Zur Verbesserung der Finanzsituation kam der Ruf aus der Politik, mit den städtischen Liegenschaften eine bessere Rendite zu erzielen. Die Frage bleibt, auf wessen Kosten?

Zu viele Vorschriften?

Am Ende der Tagung zogen Fachleute an einer Podiumsdiskussion Bilanz und machten Vorschläge, wie die Situation verbessert werden kann. Eine plakative Aussage machte Pascal Stutz, Präsident der Zürcher Immobilientreuhänder, gleich zu Beginn: «Ich spüre den Ruf an uns für günstige Wohnungen – doch ich muss ihnen sagen: bei Neubauten ist das gar nicht mehr möglich.» Zu vielfältig seien die bau- und energietechnischen Auflagen heute, welche das Bauen verteuern. Die Öffentliche Hand könne insofern unterstützend eingreifen, als beispielsweise mehr Verdichtung zugelassen werde oder mehr Stockwerke. Ein weiteres Problem ortete er darin, dass oft ältere (Einzel-) Personen in günstigen, aber für sie zu grossen Wohnungen wohnen und diese damit dem Markt entziehen.

Aktive Genfer Politik

Der Genfer Staatsrat Antonio Hodgers (Grüne) erläuterte einige Besonderheiten des sehr speziellen Wohnungsmarktes in der Rhonestadt. «Die Notwendigkeit von sozialem Wohnungsbau ist über alle Parteigrenzen akzeptiert, auch bei Bürgerlichen.» Denn sonst würden nur noch sehr teure Wohnungen gebaut. Öffentliche Fonds leisten Zuschüsse, machen Vorgaben für den Mietermix und die Stadt ist auf dem Bodenmarkt selber aktiv. «Nicht alles kann über Geld gesteuert werden, es braucht auch entsprechende Vorschriften.»

Podiumsdiskussion an den Grenchner Wohntagen mit von links Moderator Dieter Kohler, Antonio Hodgers (Staatsrat Genf), Pascal Stutz (Geschäftstführer SVIT Zürich), Bettina Fredrich (Caritas Schweiz) und Martin Tschirren, stv. Direktor des Städteverbandes.

Wo sind die günstigen Wohnungen?

Podiumsdiskussion an den Grenchner Wohntagen mit von links Moderator Dieter Kohler, Antonio Hodgers (Staatsrat Genf), Pascal Stutz (Geschäftstführer SVIT Zürich), Bettina Fredrich (Caritas Schweiz) und Martin Tschirren, stv. Direktor des Städteverbandes.

Bettina Fredrich, Leiterin Fachstelle Sozialpolitik von Caritas Schweiz beklagte, dass sich die einschlägige Diskussion stets um Wohnungen für den Mittelstand drehe. Die Kantone müssten mehr tun, um auch den sozial Schwächsten den Zugang zum Wohnungsmarkt zu ermöglichen. «Leute mit dunkler Hautfarbe sind eigentlich vom Wohnungsmarkt ausgeschlossen.»

Martin Tschirren, stellvertretender Direktor des schweizerischen Städteverbandes, ortet demgegenüber einen Trend, dass man in jüngster Vergangenheit wieder an die sozial Schwächsten denke. Mit neuen Allianzen sei dieser Trend zu unterstützen. Pascal Stutz räumte ein, dass die Immo-Branche zu wenig sensibilisiert sei für das Thema.