Kantonsrat in Grenchen

Was die Kantonsräte vom neuen Zuhause halten

Weil der Kantonsratssaal in Solothurn umgebaut wird, findet die Junisession des Solothurner Parlaments während dreier Halbtage in Grenchen statt. Uhrenstädter und Parlamentarier freut der Tapetenwechsel.

Bei Kantonsrätinnen und Kantonsräten aus dem Schwarzbubenland ist ein wichtiger Grund dafür die Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Denn wer aus der Amtei Dorneck-Thierstein anreist, hat einen direkten Anschluss bis zum Bahnhof Grenchen Nord - welcher nur wenige Schritte vom Parktheater entfernt ist. «Sonst haben wir uns immer mit Carsharing aushelfen müssen», sagt stellvertretend Christian Thalmann (FDP) aus Breitenbach. «Da liegt Grenchen natürlich ideal.» Das sieht Ratskollegin Susanne Koch (CVP) aus Erschwil nicht anders. Der Weg nach Solothurn ist mühsamer, «speziell, wenn man dann vom Grenchner Nordbahnhof immer auf den weit entfernten Südbahnhof umsteigen muss.» Die Schwarzbuben profitieren vom Auswärtsspiel in Grenchen: Fast eine Stunde können manche Politiker derzeit länger schlafen.

Uhrenstadt, aber was noch?

Was aber wissen die Parlamentarier aus den anderen Kantonsteilen überhaupt von Grenchen? «Nicht wirklich viel», gibt etwa Felix Lang (Grüne) aus dem weit entfernten Lostorf zu. Als erstes bringe man die Stadt natürlich mit der Uhrenindustrie in Verbindung, und als Werkplatz komme ihr eine bedeutende Rolle zu. Was das letzte ist, was er über Grenchen gehört oder gelesen hat, mag Lang aber nicht mehr zu sagen. Christian Thalmann wiederum erinnert sich auch an weniger schmeichelhafte Meldungen, wie die Schlagzeilen über den Schenkkreismord oder die Affären um Stadtpräsident Boris Banga. Was Grenchen fehle, sei eine schöne Altstadt.

Kantonsratspräsident Christian Imark (SVP) aus Fehren weiss immerhin noch vom Velodrome Suisse und staunt ausserdem über den hohen französisch sprechenden Einwohneranteil in Grenchen. «Das ist nicht nur interessant, sondern wäre auch ein Grund, weshalb Grenchen ruhig etwas selbstbewusster auftreten dürfte», findet Imark. Allzu oft stehe die Uhrenstadt zu Unrecht im Schatten von Solothurn.

Ein Votum, dem sich der Stadtsolothurner Peter Brügger (FDP) anschliesst. «Als unmittelbarer Nachbar nehme ich dieses mangelnde Selbstbewusstsein wahr. Das ist unnötig, Grenchen ist eine beachtenswerte Stadt, die sich durch ihre dynamische Wirtschaft besonders auszeichnet.» Was auch weitere Kantonsräte bestätigen - die allermeisten angefragten Parlamentarier sind von der Uhrenstadt positiv beeindruckt.

«Alles angenehme Leute»

Als gut werden ausserdem die Infrastruktur, die Akustik und der Service im Parktheater gewertet. Anders als in Solothurn werden die Kantonsräte richtig bewirtet, und zwar vom abtretenden Ehepaar Meier, welches noch bis zum 21. Juni Bankette durchführt. Am Dienstag assen die Parlamentarier im Foyer gemeinsam zu Mittag, was dem Grenchner Peter Brotschi (CVP) positiv auffiel. «Es führte zu einer Durchmischung, wie wir sie in Solothurn nicht haben, da die Fraktionen jeweils in ihren Stammbeizen verschwinden.» Aber nicht nur die Politiker sind zufrieden.

Wirtin Marietta Meier ist sogar begeistert, fühlt sich geehrt. «Das sind alles äusserst angenehme Leute, da macht es richtig Freude, am Morgen aufzustehen.» Kantonratspräsident Imark begrüsst ausserdem, dass die Votanten in Grenchen am Rednerpult argumentieren müssen, und dies nicht einfach vom Platz aus können, da man nicht mehr im Halbrund sitzt. «Das verhindert auch das eine oder andere überflüssige oder zeitraubende Votum, weil nicht jeder ans Rednerpult stehen will», weiss der 30-Jährige.

Doch obwohl es sich bei der Session in Grenchen um eine seltene Angelegenheit handelt, welche auch der Öffentlichkeit einen Einblick ins parlamentarische Geschehen ermöglicht, war das Publikumsinteresse am Dienstag und Mittwoch doch bescheiden. Nur eine Handvoll Menschen verfolgten die Diskussionen. Einer der wenigen Zuhörer war gestern der frühere, langjährige Gemeinderat Hanspeter Crivelli. Er nutzte die Chance, sich für einmal direkt statt aus der Zeitung informieren zu lassen. «Das ist doch eine einmalige Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte.» Nächsten Dienstag will er nun erneut vorbeischauen, denn dann stehen wieder spannende Themen auf dem Programm; unter anderem auch die Pistenverlängerung des Regionalflughafens Grenchen.

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