Als Grenchen im Jahr 2008 den renommierten Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes zuerkannt erhielt, ging ein gewisses Raunen durch die Reihen der Laien. Architektur-Sachverständige zollten der Uhrenstadt aber Anerkennung, weil sie aus der Not eine Tugend gemacht hatte. «Fehlt ein historisches Zentrum, gewinnt die Qualität der zeitgenössischen Bauten an Wert», erklärt Stadtbaumeister Claude Barbey.

Dies hatte zur Folge, dass charakteristische Bauten wie das Gartenbad, das Stadion, Haldenschulhaus, auch Hochhäuser wie der Hallgarten, als Zeugen einer Epoche erhalten blieben. Nicht teilen kann Barbey die gelegentlich geäusserte Einschätzung, Grenchen habe die Gebäude stehen lassen, weil kein Geld für neue da war. «Diese ist schlicht falsch», so Barbey. Das ganze Vorgehen habe auch seinen Preis gehabt. «Es war das Bewusstsein für die bestehende Qualität dieser Bauten, welches das Vorgehen bestimmte.»

Auch bei der Weiterentwicklung der gebauten Stadt wurde Wesentliches erreicht. Dazu kam noch ein Verkehrskonzept samt Aufwertung des öffentlichen Raumes, das – zumindest auf nationaler Ebene – gefiel, und so kam Grenchen in die Wakkerpreis-Kränze.

«Wir wurden ernster genommen»

«Grenchen kam dadurch neu auf den Radar von nationalen Immobilienplayern wie der CS. Das wiederum wurde von weiten Kreisen beachtet», erklärt der Stadtbaumeister weiter. Das nationale Lob veranlasste Investoren, sich mit einer Region zu befassen, der immer noch der Makel der (längst überwundenen) Uhrenkrise anhaftete,

Was aber war die Auswirkung in Grenchen und im Kanton selber? «Der Effekt war, dass unsere Argumente für gute Planungen ernster genommen wurden. Wir haben schon immer Einfluss genommen, aber jetzt wurden wir auch verstanden.» Bauherren bemühten sich vermehrt um gefällige Projekte, die dem Stadtbild guttun. Als Beispiel nennt Barbey das neue Gebäude der Raiffeisenbank oder die Überbauung am Girardplatz.

Zurzeit schaut der Stadtbaumeister aber wieder mit einer gewissen Sorge in die Zukunft. Der Schwung des Wakkerpreises sei am Abklingen. «Die Dynamik ist leider etwas weg. Das ist schade», gebe es doch eine ganze Anzahl von Möglichkeiten für Grenchen, auf dem Erreichten weiterzubauen. Und dies umso mehr, als die Stadtkasse heute nicht mehr so klamm ist wie einst.

Dringender Handlungsbedarf

Allem voran nennt Barbey die Planung des Bahnhofareals, die aus politischen Gründen zurzeit blockiert ist. «Wenn wir hier nicht vorwärtsmachen, vergeben wir eine gewaltige Chance.»

Die Pläne für die Entflechtung von Bus- und Privatverkehr beim Südbahnhof lägen vor, und die SBB möchten auf dem Areal des Güterschuppens ihre Park-and-ride-Anlage vergrössern. Nach Osten bestehe an der Güterstrasse weiteres Potenzial.

Das Wachstum von Wohnraum – und Industrie in Bahnhofnähe – Barbey nennt die neue Swatch-Fabrik und die geplante Überbauung mit 100 Wohnungen auf dem südlichen SWG-Areal – müsse zwingend eine Verbesserung der öV-Anbindung nach sich ziehen. «Die SBB warten auf entsprechende Signale, und wenn die von unsrer Seite nicht kommen, wird das Konsequenzen haben», befürchtet er. Die beabsichtigten Investitionen würden woanders getätigt. «Das kann Folgen bis hin zu den Schnellzugshalten haben.»

Bald wieder Hochhäuser?

Die Lösung liegt in den Händen der Politiker. Wie lässt sich der Wakker-Geist sonst noch weiterpflegen? «Grenchen hat ein hohes Potenzial an innerer Verdichtung», sagt der Chef der Bauverwaltung. Das Zauberwort in Zeiten grossen Bevölkerungswachstums ist zurzeit in aller Munde und bedeutet, dass die Fläche besser ausgenützt wird. Bevor neues Land eingezont wird, sollen Baulücken geschlossen oder alte Gebäude abgerissen werden.

«Dass in Grenchen dereinst wieder Hochhäuser gebaut werden, ist in diesem Lichte besehen denkbar», äussert sich Barbey vorsichtig. Rein planerisch kommen dafür Flächen im Zentrum (ETA-Wiese an der Nordostecke des Marktplatzes, – sozusagen als Kontrapunkt zum Centro), in der Freimatt und im Westen vis-à-vis den bestehenden Ruffini-Wohnhochhäusern infrage. Konkrete Projekte bestehen allerdings noch nicht.

Zonenplan revidieren

Sinnvoll wäre für Barbey auch eine Zentralisierung der Verwaltung. «Eine Erweiterung des Hôtel de Ville wäre sicher eine interessante architektonische Herausforderung» Da Grenchen jährlich 500 000 Franken an Mietzinsen für seine ausgelagerten Ämter zahle, wäre dies langfristig sinnvoll.

Die Grundlage für alle Projekte ist der Zonenplan. Auch dieser soll ab nächstem Jahr in Revision gehen, ein politischer Prozess, der bis 2016 dauern dürfte.

Als gelungenes Beispiel einer Stadt, die auf Wachstum setzt, gilt gemeinhin das nahe Lyss, was auch Barbey würdigt. Nicht ohne anzufügen, dass auch dort Investitionen zugunsten der Anbindung an den öV eine zentrale Rolle gespielt haben.