Grenchen

Was alte Skelette alles erzählen können

Metallfunde aus den Gräbern im Stadtzentrum.

Metallfunde aus den Gräbern im Stadtzentrum.

Das Kultur-Historische Museum hatte zum Auftakt der Kantonsarchäologie-Gastausstellung zu den Grenchner Gräberfunden ein volles Haus. Aus verschiedenen Perspektiven brachten drei Wissenschafter etwas Licht ins Dunkel einer unbekannten Epoche.

Nach wie vor gibt es zum Gräberfeld mitten in der Stadt mehr Fragen als Antworten. So weiss man nicht, wo die Toten damals ihre Siedlung hatten. Ebenso wenig, wo man Kleinkinder bestattete. Denn Babyknochen wurden nicht gefunden. Doch die Knochen und Grabbeigaben aus dem 7. bis 9. Jahrhundert erzählen ihre ganz eigene Geschichte. Dass mehr Männer als Frauen gefunden wurden, sei Zufall. Bei den früheren Grabungen dort sei es umgekehrt gewesen.

Schon frühere Grabungen

«Wir haben eigentlich nicht viel erwartet», sagte Pierre Harb, Leiter der Kantonsarchäologie, im Rückblick auf den Beginn der aktuellen Grabung. Die Grabungen zwischen 1823 und 1949, bei denen 90 Gräber ausgehoben wurden, schienen das Geheimnis des historischen Friedhofs gelüftet zu haben. Doch weil die alten Grabungen nicht von Dokumentationen nach heutigen Standards begleitet sind, sass die Kantonsarchäologie auf einem Berg Metallartefakte und Knochen, in der Hauptsache Schädel, die sich räumlich nicht mehr verorten liessen.

Gesichtsrekonstruktion

Das änderte sich mit dem Projektbeginn Anfang 2014. Aus 47 unberührten Gräbern, 15 davon mit Grabbeigaben, bargen die Wissenschafter nach umfassender Zeichnungs- und Fotodokumentation die Überreste von mindestens 63 Personen. Anhand der Beigaben, Gürtelschnallen, Schmuck und Waffen, zeigte sich einmal mehr, dass die Region Solothurn einst ein Schmelztiegel aus alteingesessenen Romanen und von Osten zuziehenden Alemannen war. Letztere gaben ihren Toten mehr mit ins Jenseits, ehe die Grabbeigaben um das 8. oder 9. Jahrhundert herum aufgegeben wurden. Mit dem gut erhaltenen Schädel eines jungen Mannes soll eine Gesichtsrekonstruktion gemacht werden. Das Resultat soll am 16. Mai der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Gesunde Knochen

«Ich komme erst, wenn alles offen liegt», begann die Anthropologin, Sabine Landis, ihr Referat. «Die Grabbeigaben schaue ich gar nicht an, damit ich davon nicht beeinflusst werde.» Sie erklärte die Bestimmung von Geschlecht, Lebensalter und Körpergrösse. Für die erste Aufgabe sei der Beckenknochen am besten geeignet. Aber auch der Schädel lasse durch die Muskelansätze Schlüsse auf das Geschlecht zu. Beim Alter arbeite sie mit den Knochenfugen der Gelenke und bei den Kindern zusätzlich mit den Zähnen, sagte Landis. Dabei werde die Bestimmung mit dem Alter schwieriger und ab 60 praktisch unmöglich. Doch so alt wurden die Grenchner im Frühmittelalter nicht, die meisten Skelette gehörten 30- bis 45-Jährigen. Die Grösse lasse sich mithilfe der Langknochen der Arme und Beine bestimmen.

Häufige Verletzungen

Dann hatte Christian Lanz, Facharzt für Rechtsmedizin, das Wort. Die Grenchner Skelette wiesen nur wenige Anomalien auf, etwa verheilte Knochenbrüche – vermutlich starben die meisten Leute an Infektionskrankheiten. Deshalb gab Lanz einen Überblick über die Erkenntnisse, die sich aus alten Knochen gewinnen lassen: «Der Knochen kann sich entzünden, Fehlbildungen haben, Osteoporose, Krebs oder Metastasen (von einem Krebs anderswo im Körper) entwickeln. Doch Verletzungen sind damals viel häufiger.» Dabei gelte es zu unterscheiden, ob ein Knochen zu Lebzeiten oder nach dem Tod verändert wurde. Anhand eines durchlöcherten Schädels zeigte Lanz, was mit einer Wasserleiche geschehen kann. «Man vergleicht historische Fundstücke mit modernen Körpern, von denen man die Diagnose kennt», erklärte er.

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