CSL Behring
Warum Uwe E. Jocham mit gemischten Gefühlen nach Lengnau kommt

Der Biotechkonzern CSL Behring unter der Leitung von Herrn Uwe E. Jocham will in Lengnau eine neue Produkionstätte bauen. Zeit spielt dabei eine grosse Rolle. Der Plan für den Neubau muss eingehalten werden.

Andreas Toggweiler
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Der Abschied von Bern fällt Uwe E. Jocham, Direktionspräsident der CSL Behring AG, nicht leicht.

Der Abschied von Bern fällt Uwe E. Jocham, Direktionspräsident der CSL Behring AG, nicht leicht.

Oliver Menge

Herr Jocham, sie tragen zwei Armbanduhren. Zeigt eine die Zeit in der CSL-Konzernzentrale in Australien an?

Uwe E: Jocham: Nein, beide haben lokale Berner Zeit (lacht). Ich habe mir zum 35. Geburtstag eine schöne mechanische Armbanduhr geschenkt, zum 40. eine weitere. Und seit kürzlich noch eine mit ewigem Kalender dazu kam, wechsle ich gerne etwas ab. Wenn ich die Uhren am Handgelenk behalte, stehen sie nicht still und müssen nicht jedes Mal neu gestellt werden.

Welche Rolle spielt die Zeit bei Ihrem grossen Bauprojekt in Lengnau?

Sie spielt eine entscheidende Rolle. Der Zeitplan für den Neubau muss eingehalten werden können. Wenn sich abzeichnet, dass dies aufgrund von juristischen Verzögerungen nicht möglich ist, müssen wir eine Ersatzlösung bereitstellen. Denn die Produkte, die wir in Lengnau herstellen wollen, befinden sich bereits im Zulassungsprozess.

Dann würden Sie das Werk in Singapur bauen, nicht in Lengnau?

Singapur hat sich auch sehr um unser neues Werk bemüht und ich gehe davon aus, dass sie das auch heute noch tun würden. Ich rechne allerdings damit, dass wir die Baubewilligung in Lengnau rechtzeitig erhalten, damit wir mit der Produktion 2019 pünktlich loslegen können.

Kennen Sie die Einsprachekultur gewisser Lengnauer Einwohnerinnen und Einwohner?

Ja, inzwischen schon. Darunter hat es auch solche, die unser Projekt unter allen Umständen verhindern wollen, was ich sehr bedaure. Es ist allerdings eine kleine Minderheit. Mit den Körperschaften, die Einsprache gemacht haben, zeichnet sich eine Einigung ab und ich glaube, dass die grosse Mehrheit der Einwohnerinnen und Einwohner samt Behörden unser Vorhaben begrüsst. Nicht zuletzt hat sich ja der Kanton intensiv dafür eingesetzt, dass wir nach Lengnau kommen.

Eine Sorge der Bevölkerung ist der grosse Wasserverbrauch des Werkes. Konnten Sie da die Bedenken ausräumen?

Wir haben am letzten Informationsabend aufgezeigt, dass auch in einem trockenen Sommer immer noch genügend Reserven für die Gemeinde und auch für andere Nutzungen vorhanden sind.

Künftig in Lengnau

Uwe E. Jocham (51) hat in München Pharmazie studiert und ist Fachapotheker für Pharmazeutische Technologie. Er absolvierte danach Fachausbildungen für Marketing in Bern sowie Managementausbildungen in St. Gallen und Melbourne (AUS). Er baute Produktionsstätten für Hexal in Deutschland und Chassot AG (Belp) auf, bevor er 2000 zur ZLB Bioplasma AG in Bern stiess und 2004 das Direktionspräsidium übernahm. Seit 2006 ist Jocham Vizepräsident des Verwaltungsrates der CSL Behring AG. Der australische Konzern CSL hatte das ZLB Zentrallaboratorium BSD des Schweizerischen Roten Kreuzes im Jahr 2000 übernommen (vgl. Text unten). Im März 2015 wurde Jocham mit dem Aufbau der CSL Behring Recombinant Facility AG in Lengnau beauftragt. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in Gerzensee. Er ist Doppelbürger der Schweiz und Deutschlands. (at.)

Und wie sieht es bei der Abwassersituation aus?

Hier gilt dasselbe. Durch eine Vorbehandlung erfüllen wir alle Anforderungen der Kläranlage. Rückstände bestimmter Salze und organischer Stoffe können zum Teil sogar gut für die Gesamtbilanz sein. Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben von unserem Standort in Bern. Dank dem Gehalt an organische Substanzen kann die ARA Bern Biogase erzeugen, die als Energielieferant für die Busse von Bernmobil dienen.

Wird die Gemeinde Lengnau in absehbarer Zeit in den Genuss substanzieller Steuererträge kommen?

Darüber geben wir keine Auskunft.

Hat eigentlich der benachbarte Flughafen Grenchen den Entscheid für den Standort Lengnau beeinflusst?

Nein. Er ist für uns als Unternehmen von keiner besonderen Bedeutung, denn wir besitzen keine Firmenjets. Wichtig waren für uns andere Rahmenbedingungen wie zum Beispiel der liberale Arbeitsmarkt, der hier im Gegensatz zu Singapur genügend Fachkräfte bereitstellt. Voraussichtlich - Sie wissen ja, dass auch der 9. Februar 2014 für uns ein heikles Datum war. (Annahme der SVP-Einwanderungsinitiative, Anm. d. Red).

Zurück zum Flughafen: Als Präsident des Berner Arbeitgeberverbandes sehe ich dies aber auch noch aus einem anderen Blickwinkel. So kann ich mir durchaus vorstellen, dass die Entwicklung des Flughafens Grenchen für die Volkswirtschaft in der Region positiv ist. Dies gilt ja für alle Verkehrsinfrastrukturen.

Wie hat sich die Freigabe des Frankenkurses ausgewirkt?

Grundsätzlich sind wir stark betroffen, denn wir exportieren 98,5 Prozent der Produkte, davon zwei Drittel in den Dollarraum. Im Klartext heisst dies: Unser lokaler Umsatz reduziert sich um eine dreistellige Millionensumme. Weil aber gleichzeitig Blutplasma, unser wichtigster Rohstoff, aus dem Ausland kommt, haben wir hier auch eine Kostenersparnis. Unser Konzern ist zudem mit Währungsschwankungen bestens vertraut, wenn man an den australischen Dollar denkt. Unser CEO hat mir denn auch versichert, dass strategische Entscheide des Unternehmens nicht mit der Wechselkurssituation verknüpft werden.

Am letzten Informationsabend in Lengnau haben Sie bekannt gegeben, dass die Konzernleitung Sie als Leiter des neuen Werkes bestimmt hat. Man hatte das Gefühl, Ihre Freude halte sich in Grenzen. Was steckt dahinter?

Auf der grünen Wiese ein komplett neues Werk zu planen und zu bauen, ist eine grosse Herausforderung, die ich sehr gerne angehe. Ich werde aber die CSL Familie am Standort in Bern nach mehr als 15 erfolgreichen Jahren verlassen, was mir nicht ganz einfach fällt.

Die Mitarbeiter verlieren einen beliebten Chef?

Das müssen Sie sie selber fragen, aber ich denke, es gibt Hinweise darauf (lacht). Wie bereits erwähnt, habe ich immerhin 15 Jahre am Standort Bern gearbeitet und den Betrieb während nunmehr 11 Jahren geleitet. In dieser Zeit haben wir den Umsatz von 300 Mio. auf 2,1 Mrd. Franken gesteigert und sind damit wichtigster Standort des CSL-Konzerns geworden. Am Anfang hatten wir gar beträchtliche Schwierigkeiten und schrieben rote Zahlen. Wir haben aber zusammen an die Zukunft geglaubt und erfolgreich neue Produkte lanciert. Die inzwischen 1348 Angestellten in Bern haben dabei einen unvergleichlichen Team Spirit entwickelt. Wir fühlen uns als grosse Familie. Dass da das Loslassen nicht ganz einfach ist, ist hoffentlich verständlich. Anderseits war ich es ja, der sich stark für den Standort Lengnau eingesetzt hat. Ich freue mich insofern auf diese neue Herausforderung. Sie gleicht etwa meinem ersten Job, als ich für den Pharmakonzern Hexal in Deutschland auf einer grünen Wiese von 140 000 m2 eine neue Fabrik gebaut habe. Das ist genau die gleich grosse Fläche wie in Lengnau.

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