Aus erster Hand konnten sich die Teilnehmer des Wirtschaftsforums Grenchen über die neueste industrielle Entwicklung am Jurasüdfuss informieren. Denn innert kurzer Zeit haben sich zwei internationale Pharma-Schwergewichte entschieden, grosse Produktionswerke mit hunderten von Arbeitsplätzen in der Region zu errichten.

Beide Fabriken sind bereits im Bau und sollen im Jahr 2019 operativ werden. Vertreter der beiden Firmen Biogen und CSL Behring stellten die Gründe vor, warum sich die Investoren für Luterbach bzw. Lengnau entschieden haben.

Markus A. Ziegler, Director Corporate Affairs bei Biogen International GmbH, stellte das 1978 in Genf gegründete Unternehmen vor, das heute seinen Hauptsitz in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts hat. Dazu kommen Niederlassungen in 30 Ländern. «Wir gehören damit zu den ältesten noch selbstständigen Biotechnologie-Firmen», sagte Ziegler. In der Schweiz, in Zug, befindet sich bereits der Emea-Hauptsitz mit 400 Mitarbeitern.

Markus A. Ziegler, Director Corporate Affairs bei Biogen International (links), und Uwe E. Jocham, Direktionspräsident von CSL Behring AG, erläuterten, warum ein US- und ein australischer Pharmakonzern auf die Schweiz setzen.

Markus A. Ziegler, Director Corporate Affairs bei Biogen International (links), und Uwe E. Jocham, Direktionspräsident von CSL Behring AG, erläuterten, warum ein US- und ein australischer Pharmakonzern auf die Schweiz setzen.

Biogen ist laut Ziegler Marktführerin bei den Medikamenten für multiple Sklerose mit einem Marktanteil von 45 Prozent. Entwickelt und vertrieben werden Medikamente für Patienten mit seltenen Krankheiten oder schweren Autoimmun-Erkrankungen. Ein wichtiges Ziel sei die Aufrechterhaltung einer hohen Lieferbereitschaft für Patienten, die auf Biogen-Medikamente angewiesen seien, sagte Ziegler. Dies erreiche man auch mit Redundanzen in der Produktion.

Behörden müssen auf Zack sein

Am 30. Juni 2015 fällte der Konzern den Entscheid, ein neues Produktionswerk in Luterbach auf dem Areal der ehemaligen Cellulosefabrik südlich der Aare zu errichten, was eine Vervielfachung der gegenwärtigen Kapazität bedeute. Für den Standort hätten mehrere Faktoren gesprochen, wie Ziegler erläuterte. Die Planung von Pharma-Produktionsinfrastruktur verlange eine zeitkritische Synchronisierung mit den klinischen Studien der Wirkstoffe. «Wir brauchen Behörden, die Geschwindigkeit liefern können.» Dies habe bei der Ansiedlung im Kanton Solothurn gut geklappt, lobte Ziegler.

«Wir nehmen den Steilpass des Kantons auf und bauen mit Hochdruck», kommentierte er Bilder von der Baustelle in Luterbach. Dort würde im Stahlbau etwa die Menge von zwei Eiffeltürmen verbaut. Als weitere Standortvorteile der Schweiz, bzw. der Region nannte er politische Stabilität, wirtschaftsfreundliche Regulierung und gute Infrastruktur.
«Der wichtigste Standortfaktor ist für uns der Mensch», ergänzte Uwe E. Jocham.

Direktionspräsident der CSL Behring AG und Leiter der in Lengnau entstehenden «Recombinant Factory», der das zweite Pharma-Grossprojekt am Jurasüdfuss erläuterte. Nachdem Jocham seit über 15 Jahren bereits den CSL-Standort Bern zur Blüte gebracht hat, glaubt er an das Arbeitsethos der hiesigen Angestellten. Ausbildung, Werte und Arbeitseinsatz würden stimmen. Daneben lobte auch er die kooperative Haltung der in diesem Fall bernischen Behörden, welche in Lengnau zum ersten Mal das Instrument der kantonalen Überbauungsordnung eingesetzt hätten. «Und obwohl Einsprachen bis ans Bundesgericht weitergezogen wurden, wurde unser Fahrplan nicht tangiert.»

Nach monatelangen Vorarbeiten konnte in Lengnau im 4. Mai der Grundstein offiziell gelegt werden. Jocham kündigte am Mittwoch an, dass man bald ein weiteres Baugesuch einreichen werde für eine zweite Ausbau-Etappe auf Landreserven an gleicher Stelle im Lengnauer Moos. Die erste Fabrik soll wie jene von Biogen im Jahr 2019 die ersten gentechnisch hergestellten Medikamente ausliefern.

«Werkplatz gefährdet»

Die Firma CSL-Behring gehört zum australischen Pharmakonzern CSL, der kürzlich sein 100-jähriges Bestehen feiern konnte (wir berichteten). Das «Commonwealth Serum Laboratory» wurde als Non-Profit Unternehmen 1916 gegründet. Man sei heute führend in der Herstellung von Medikamenten aus menschlichem Blutplasma, sagte Jocham. Der Standort Bern, ursprünglich das Serum-Institut des Schweizerischen Roten Kreuzes, ist von 461 Mitarbeitenden im Jahr 2000 auf heute 1350 Angestellte gewachsen. Der Umsatz wuchs von 300 Mio. auf 2,3 Mrd. Fr.

Jocham, der auch Präsident der bernischen Arbeitgeber ist, schlug aber auch kritische Töne an. «Der Werkplatz Schweiz ist gefährdet», mahnte er mit Blick auf Wechselkursproblematik und Bürokratie. Er mahnte die Vertreter der öffentlichen Hand, nicht nur an die Ansiedlung von neuen Unternehmen zu denken, sondern auch den Bestand zu pflegen.

«Willkommene Diversifizierung»

Am von Gewerbeverband GVG und Industrie-und Handelsverband IHVG organisierten Grenchner Wirtschaftsforum beschrieb schliesslich René Goetz, Delegierter für Wirtschaftsförderung der Stadt Grenchen, die Rolle der Uhrenstadt als direkter Zaungast inmitten des neuen «Biotech-Valley».

Er sprach von einer «willkommenen Diversifizierung» für die bisher stark durch die Uhren-, Medtech- und Präzisionsindustrie geprägten Industrielandschaft. 4566 Industriearbeitsplätze wies die Stadt Ende 2013 auf und die Anzahl sei immer noch wachsend, sagte Goetz und verwies auf bewährte Steuerung der Ansiedlung durch Landpolitik.

Allerdings beobachte man in jüngster Zeit auch einen schleichenden Prozess der Verlagerung von Arbeitsplätzen in den Osten. SWG-Chef Per Just orientierte schliesslich über den Zwischenstand des Projekts Windkraft auf dem Grenchenberg.