Historische Sprungschanze

Vor nicht allzu langer Zeit flogen auf dem Grenchenberg Skispringer durch die Lüfte

Es ist noch gar nicht so lange her, da flogen auf dem Grenchenberg Skispringer durch die Lüfte. Die Sprungschanze auf dem Oberberg lockte im vergangenen Jahrhundert alpine Prominenz aus der ganzen Schweiz nach Grenchen.

Lange hat er auf sich warten lassen. Nun hat er sich aber doch noch blicken lassen: der Winter. Lokale Schneesportler zieht es in Scharen auf den Grenchenberg, wo sie im Neuschnee ihre Schwünge machen. Es ist noch gar nicht so lange her, da hätten sie sich sogar als Skispringer versuchen können. Für grosse Teile des 20. Jahrhunderts befand sich auf dem Oberberg nämlich eine Sprungschanze.

Erwähnt wird diese mitunter in einer Jubiläumsschrift des Grenchner Turnvereins aus dem Jahre 1960: «Im Winter 1923/24 schlossen sich die skifahrenden Turner zu einer freien Riege zusammen», lässt sich darin lesen. «Wettkämpfe und Skiturnfahrten wurden durchgeführt. 1926 begannen sie beim Obergrenchenberg mit dem Bau einer Sprungschanze, die im folgenden Winter eingeweiht wurde und heute (=1960) Sprünge bis zu 44 Meter erlaubt.»

1968 wurde der Anlage sogar ein Sprungturm beigefügt, wie der Grenchner Rudolf Feller noch weiss. Im damaligen Skisprung-Mekka Langenbruck wurde dieser ab- und auf dem Grenchenberg wieder aufgebaut. Weil die Athleten nun mit deutlich mehr Tempo über die Schanze kamen, flogen sie entsprechend weiter. In der Folge musste der ganze Zielraum erweitert werden, erzählt der heute 69-Jährige.

Früher ...

Der ehemalige Gelegenheits-Skispringer Rudolf Feller.

   

Feller ist mehr als nur Zeitzeuge: In jungen Jahren, in den 60ern und 70ern, ist er selber über die Schanze gesprungen. «Das war schon noch schön», erinnert er sich schmunzelnd. «Einfach mit der Landung hatte ich Mühe. Da bin ich oft gestürzt.» Feller hatte praktisch keine Erfahrungen mit dem Skispringen, geschweige denn eine Ausbildung. Seine Stärken lagen bei den alpinen Disziplinen, bei der Abfahrt oder beim Slalom etwa. Doch wenn die Schanze am damals jährlich stattfindenden Grenchner Skitag jeweils in Betrieb war, packte er zusammen mit seinen Kollegen vom Skiklub Grenchen die Gelegenheit beim Schopf und sprang auch mit.

Mit dem modernen Skispringen hatte der Sport damals noch nicht viel am Hut. Statt in hautengen Anzügen auf topmodernen Ski flogen die Athleten in Wollkleidern auf Holzbrettern durch die Lüfte. Einen Helm trug niemand. Auch die Präparation der Schanze und des Zielraumes würde heutigen Anforderungen wohl nicht mehr standhalten. «Wir hatten einen einzigen professionellen Schanzenbauer», erinnert sich Feller.

Am Morgen vor dem Springen habe dieser jeweils den Absprungwinkel bei der Schanze mit Holzlatte und Wasserwaage überprüft. Damit es den Athleten nicht schon in der Luft überwirft, muss am Punkt des Absprungs nämlich ein leichtes Gefälle vorhanden sein, weiss Feller. «War das nicht so, dann wurde halt geschaufelt. Das würde heute wohl nicht mehr gehen», gesteht er mit einem verschmitzten Lächeln.

Die Grenchner und ihre Uhren

Stichwort Schaufeln: Das wurde bei den ganzen Vorbereitungs-Arbeiten reichlich gemacht. Die Zeiten mit Pistenfahrzeugen lagen noch in ferner Zukunft, die Piste entstand in Handarbeit. «Das war jeweils eine Riesensache», erinnert sich Feller. Das sei mit ein Grund dafür gewesen, dass die Sprungschanze nur an wenigen Tagen im Jahr in Betrieb war. «Der Aufwand wäre ansonsten einfach zu gross gewesen.»

Doch wenn sämtliche Vorbereitungen getroffen waren, zog es jeweils alpine Prominenz aus der ganzen Schweiz nach Grenchen an den Skitag. Regional- und sogar Schweizer Meister haben sich in den alpinen Disziplinen, im Langlauf oder eben auch im Skisprung gemessen. Den Gewinnern winkte dabei – wie könnte es anders sein – eine Uhr. «Ich habe einmal eine Rado gewonnen», berichtet Feller stolz. Das sei ein richtig wertvoller Preis gewesen, weiss er. «Einfach so konnte man sich eine solche Uhr damals nicht leisten.» Das sei mit ein Grund dafür gewesen, dass der Skitag richtig viel Prominenz nach Grenchen lockte.

Von Alpin- und Sprungski

Und wie hat es sich nun angefühlt, auf dem Grenchenberg durch die Lüfte zu fliegen? Gemischte Gefühle kommen bei Feller auf, während er in Erinnerungen schwelgt. «Am Anfang sind wir noch mit unseren eigenen, alpinen Ski über die Schanze gerast», beginnt er. «Da nahm man richtig Tempo auf. Wir waren viel schneller als diejenigen, die mit Sprungski unterwegs waren.» Und entsprechend weiter seien sie geflogen.

Dies habe die tatsächlichen Skispringer so stinkig gemacht, dass man dann auf die langsameren Sprungski umgestiegen sei. «Davon hatten wir aber natürlich keine Eigenen» erzählt er weiter. Man habe jeweils vom Skiklub ein Paar ausgeliehen. «Auf diesen habe ich mich gar nicht wohlgefühlt.» Regelmässig sei es dann auch zu Stürzen im Zielraum gekommen. Ernsthaft verletzt habe er sich zum Glück aber nie.

Irgendwann habe er dann mit dem Skispringen aufgehört. Und irgendwann später, wann genau, ist unklar, ist auch die Schanze verschwunden. Heute erinnern nur noch die jüngeren Bäumen an die Schneise, wo einst Grenchner Skifahrer durch die Lüfte flogen.

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