Dass in Grenchen viel los ist, das wissen wir. Und wenn einmal nichts auf dem Programm steht, dann macht der Grenchner aus dem Stand sozusagen, sein eigenes Fest nach Lust und Laune. Das sind die ganz spontanen Begegnungen an einem ganz gewöhnlichen Wochentag vielleicht, man trifft sich zufällig, geht in die nächste Beiz, weil man draussen langsam fröstelt, und viel später trifft man sich zu Hause bei der- oder demjenigen zu einem Schlummertrunk, denn es ist spät geworden und noch lange ist nicht alles gesagt. Dann trennt man sich und stellt fest, dass es schöne und interessante Stunden waren, die man miteinander verbracht hat, auch wenn nichts vorher geplant und abgemacht war. Genau deswegen vielleicht. Der Grenchner ist ein geselliger Mensch und ein freundlicher dazu. Jedenfalls meistens.

Als ich jedoch letzte Woche einem älteren Herrn fröhlich ein gesundes und glückliches neues Jahr wünschte, da musste ich mich doch ein wenig wundern. Er hat die Hand weggezogen und mich angeschaut, als wenn ich ihm die Pest an den Hals gewünscht hätte. Nach Mitte Januar, so erklärte er mir, hätten Neujahrswünsche keine Gültigkeit mehr, im Gegenteil, sie würden Unglück und im schlimmsten Fall Krankheit und Verderben bringen. Er sei erstaunt, dass mir das nicht bekannt sei. Ob das denn ein alter Grenchner Brauch sei, wollte ich von ihm wissen, und er nickte und meinte, das treffe in allen Teilen zu. Ich muss gestehen, dass mir nicht alle Grenchner Bräuche bekannt sind und ich mich im Allgemeinen und eben auch im speziellen Sinn mit Brauchtum nicht intensiv beschäftige. Als ich einem Bekannten später von dieser Begegnung erzählte, da lachte er herzlich und meinte dann, dass Grenchner Bräuche etwas ganz Einmaliges und Seltenes seien und aus diesem Grund über die Stadtgrenzen hinaus auch keinem bekannt.

Wir unterhielten uns dann noch weiter so ganz allgemein über hiesige Sitten und Gebräuche und stellten fest, dass es davon unzählige gibt. Freundliches und hilfsbereites Verkaufspersonal fast überall, ein Briefträger, der uns zuwinkt. Ein Buschauffeur, der geduldig mit der Weiterfahrt wartet, bis auch der letzte Passagier sicher auf seinem Platz sitzt. Eine Pflegerin im Altersheim, die einer Bewohnerin liebevoll über die Wangen fährt, eine kleine Geste, ein wertvoller Brauch. Eine Serviertochter, die auch im grössten «Gschtürm» um sie herum freundlich und gelassen bleibt. Nachbarn, die ihre Unterstützung anbieten, wenn man sich in einer Notlage befindet. Schülerinnen und Schüler, die unser Altpapier entsorgen. Angestellte des Werkhofs, auf die wir uns wie selbstverständlich verlassen können. Helferinnen und Helfer, die ehrenamtlich überall dort arbeiten, wo sie am nötigsten gebraucht werden. Fasnächtler, die unermüdlich dafür sorgen, dass die schon bald bevorstehenden närrischen Tage wieder einmal unvergesslich werden.

Doch, Grenchen verfügt über ein reiches, wenn auch eher untypisches Brauchtum. Es sind die grossen Kleinigkeiten in unserem Alltag, denen wir nicht immer genügend Aufmerksamkeit schenken. Es sind die kleinen Dinge, die nebst den vielen Grossereignissen fast ein wenig untergehen. Sie sind es, die meinen Wohnort lebens- und liebenswert machen, und ich verspreche es hoch und heilig, im nächsten Jahr meine Neujahrswünsche überpünktlich abzuliefern.