Kultur-Historisches Museum
Von Gemüsebeeten und Einbauküchen: Ausstellung über die Wohnsituation der Arbeiterschaft im Laufe der Zeit

«Von Gemüsebeeten und Einbauküchen», so heisst die neuste Sonderausstellung im Kultur-Historischen Museum Grenchen. Die Ausstellung beleuchtet die Wohnsituation insbesondere vom 20. Jahrhundert.

André Weyermann
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Eröffnung der Ausstellung zum «Arbeiterwohnen» v.l. Marco Kropf (Museumsleiter), Christine Heidrich, Lukas Walter.

Eröffnung der Ausstellung zum «Arbeiterwohnen» v.l. Marco Kropf (Museumsleiter), Christine Heidrich, Lukas Walter.

Hanspeter Bärtschi

Es dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein, dass Grenchen innert kürzester Zeit vom Bauerndorf mit 1500 Einwohnern zur Industriestadt wurde. Mit dieser Entwicklung änderte sich auch die Bevölkerungsstruktur: Die Industrialisierung verlangte nach Arbeitskräften, die teilweise aus den angrenzenden Regionen, teilweise aber auch aus dem fernen Ausland kamen.

Über ihren Arbeitsalltag wurde schon einiges geschrieben oder dargestellt. Das Kultur-Historische Museum widmet sich mit seiner neusten Sonderausstellung nun dem bisher weniger bekannten Aspekt des Wohnens. Unter dem Titel «Von Gemüsebeeten und Einbauküchen» wird das Arbeiterwohnen insbesondere im 20. Jahrhundert untersucht und veranschaulicht.

Dem Museumsteam um Marco Kropf und Co-Kuratorin Christine Heidrich ist es gelungen, die Wohnsituation der Arbeiterschaft, die auch schon Mal schwierig sein konnte, aber auch die ständigen Verbesserungen, die Anstrengungen von Gemeinde wie von einzelnen Unternehmern spannend und greifbar zu präsentieren. Knappe und aussagekräftige Texte, ein reiches Bildermaterial, Utensilien aus der Zeit sowie Hörstationen mit Zeitzeugen lassen den Besuchenden eintauchen in eine über ein Jahrhundert dauernde Entwicklung.

Uhrenindustrie trieb neue Wohnformen voran

Die traditionelle Hauptwohnform in der Region Grenchen war das Bauernhaus. Als 1851 die Uhrmacherei aus der Westschweiz eingeführt wurde, begannen immer mehr Bauern im Nebenerwerb für die rasch aufstrebende Uhrenindustrie zu arbeiten. Sie betrieben weiterhin Landwirtschaft zur Selbstversorgung, richteten sich aber Uhrenarbeitsplätze zuhause ein. So entstanden Uhrmacherbauernhäuser, in denen mehrere Generationen als Grossfamilie zusammenlebten.

Als sich aber aus den Uhrenmanufakturen um die Jahrhundertwende eine eigentliche Industrie entfaltete und Zuwanderer generierte, bedurfte es neuer Wohnformen. So wurden erste Kleinwohnungen geschaffen. Es entstanden ebenfalls Arbeitersiedlungen im Däderiz, an der Viaduktstrasse, an der Quartierstrasse oder auch «Schilds neue Häuser».

Ein revolutionärer Sonderfall stellte zudem die Gartenstadt des Basler Architekten Hans Bernoulli dar, die an der Rebgasse leider nur teilweise realisiert wurde.

Neue Technologien erhöhten den Wohnungsstandard

Die Sonderausstellung beleuchtet sodann auch die 50er Jahre, die mit ihrem Wirtschaftsboom für Notwohnungen, Gastarbeiterwohnungen, danach aber auch für Genossenschaftsprojekte und Hochhäuser sorgte. Der wirtschaftliche Aufschwung und neue Technologien erhöhten den Standard der Wohnungen mit Einbauküchen, Backöfen, Lavabos, Bädern und Toiletten.

Und nun, noch ein Wort zu den im Titel angesprochenen Gemüsebeeten: Es verwundert nicht, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch manch eine Grenchner Familie Obst und Gemüse selber anbaute. Ihr Budget von 7 Franken pro Jahr reichte schlichtweg nicht aus, um diese Lebensmittel regelmässig zu kaufen. Und noch eine Zahl: Beanspruchte eine Person zu Beginn des angesprochenen Jahrhunderts 12 Quadratmeter Wohnfläche für sich, sind es heute deren 45.

Dies und viel mehr erfährt man in der Sonderausstellung im Kultur-Historischen Museum an der Absyte. Gerade die nun eher trüben Monate laden richtiggehend zu einem Rundgang ein. Die Ausstellung ist zudem Teil der Grenchner Wohntage und bestens eingebettet in die Hauptausstellung «Vom Bauerndorf zur Technologiestadt».