Rolf Sigg
Vom «Todesengel» zum Kämpfer für Grundrechte

Der Grenchner Pfarrer Rolf Sigg gab 1986 sein Amt auf, um die Sterbehilfeorganisation Exit aufzubauen. Dafür bekommt er im September den Prix Courage.

Lucien Fluri
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Rolf Sigg wohnt heute in Bottmingen.

Rolf Sigg wohnt heute in Bottmingen.

Keystone

Ein Pfarrer, der nebenbei Sterbehilfe leistet? Ein Prediger, den die Medien als «Todesengel» bezeichnen? Für die reformierte Kirchgemeinde Grenchen war das zu viel. 1986 musste sich der damalige Grenchner Pfarrer Rolf Sigg entscheiden, ob er Pfarrer in Grenchen bleiben oder die Sterbehilfeorganisation Exit weiter aufbauen wollte. Sigg kämpfte fortan für den selbstbestimmten Tod. Über 500 Mal soll der inzwischen 95-jährige Sterbehilfepionier beim Freitod behilflich gewesen sein – immer ehrenamtlich. Jetzt hat ihn die Zeitschrift Beobachter für den Prix Courage nominiert. Mit dem Preis ehrt sie Menschen, die Zivilcourage gezeigt haben. Der Preis wird im September verliehen.

Für Sigg stand die Suizidhilfe nie in Widerspruch zur Tätigkeit als Pfarrer. «Was gibt es Humaneres, als jemandem, der leidet, die selbstbestimmte Erlösung zu ermöglichen?», sagte Sigg soeben zum «Beobachter». Die Zeitschrift begründet die Nomination mit Siggs Mut in Angelegenheiten, bei denen es einfacher gewesen wäre, nichts zu sagen. «Von seiner Überzeugung, dass eine selbstbestimmte Entscheidung zu den Grundrechten gehört, liess er sich nicht abbringen», schreibt der «Beobachter» zur Nomination. 13 Jahre lang war Sigg Exit-Geschäftsführer. Er machte die Sterbehilfeorganisation bekannt. Unter ihm wuchs die Mitgliederzahl von 2500 auf 65000 an. Die gesellschaftliche Akzeptanz wuchs stetig.

Kritik von Forschern der Uni Basel

Gilt Sigg den einen als Vorkämpfer für ein Recht auf ein würdiges und selbstbestimmtes Leben(sende), blieb sein Wirken nicht von Kritik verschont. Ende der 1990er-Jahre geriet Exit in die Schlagzeilen, als der Basler Kantonsarzt mit Polizeieskorte in letzter Minute die Verabreichung des Giftbechers an eine depressive junge Frau verhinderte. Rechtsmediziner der Uni Basel warfen Exit vor, leichtfertig mit der Suizidhilfe bei psychisch kranken Personen umzugehen. Teilweise sei zwischen dem ersten Kontakt und dem Suizid nur wenig Zeit vergangen. Exit wies die Vorwürfe als Behauptungen zurück. Man habe stets nach strengsten Kriterien gehandelt. Ein ärztliches Zeugnis müsse die unzumutbare Gesundheitslage belegen.

Für Überzeugung Haft riskiert

1997 versuchte Sigg das Exit-Modell unter dem Namen Ex-International auch in Deutschland zu verankern. Dies brachte Sigg mehrere Verhaftungen ein. Schliesslich wurde er in Deutschland wegen der Einfuhr von Betäubungsmitteln verurteilt, nachdem er das tödliche Natrium-Pentobarbital über die Grenze geschmuggelt hatte. – Sigg verabreichte dieses einer 60-jährigen, an multipler Sklerose leidenden Frau. Ex-International ist heute nicht mehr in Deutschland selbst aktiv, sondern ermöglicht den ausländischen Sterbewilligen nach der Reise in die Schweiz den begleiteten Freitod in einer Wohnung im Grossraum Bern. Sigg selbst ist heute weder bei Exit noch bei Ex-International mehr in leitender Funktion tätig.

Mit den Freitodbegleitungen begann Sigg, der heute in Bottmingen wohnt, 1985. Mehrere hundert Mal setzte er Sterbewilligen das Glas mit dem tödlichen Mittel vor, um einen würdevollen Tod zu ermöglichen. Mitleid habe er für diese Menschen empfunden, sich in ihre Lage eingefühlt, sagt er heute gegenüber der Basellandschaftlichen Zeitung. Dieser erklärte er seine Motivation so: «Mein bester Freund erkrankte 1972 an Krebs. Er war in einem entsetzlichen Zustand. Ich war hilflos, ich wollte ihm doch so gerne helfen. Aber das war unmöglich.»