Grenchen
Vom Schulhauskeller in die Luft: Schulgleiter hebt nach 70 Jahren wieder ab

Erstmals nach rund sieben Jahrzehnten trugen die Flügel den Schulgleiter wieder durch die Luft. Vorangegangen waren eine Jahrzehnte dauernde Odyssee durch Schulhauskeller und langjährige Restaurierungsarbeiten.

Peter Brotschi
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Nach rund 70 Jahren machte der Zögling mit Thomas Fessler am Steuerknüppel wieder seine ersten Hüpfer.

Nach rund 70 Jahren machte der Zögling mit Thomas Fessler am Steuerknüppel wieder seine ersten Hüpfer.

Peter Brotschi

Rund eine Stunde dauerte auf dem Segelfluggelände des Flughafens Grenchen die Aufbauarbeit des Zöglings. Viele Hände sind jeweils nötig, wenn der Schulgleiter aus dem Anhänger gezogen wird, bis er flugbereit auf dem Flugfeld steht.

Dann, nach den Sicherheitschecks und einem Briefing, kommt der grosse Moment: Thomas Fessler sitzt auf den Zögling und wird per Auto ein paar Meter in die Höhe gezogen. Genauso, wie es in den 1930er Jahren bei der Segelflugausbildung der Fall war. Nach dem kurzen Hüpfer nimmt der Bettlacher Segelflieger die Gratulation der Anwesenden entgegen. Der zweite Erstflug des Grenchner Zöglings ist vollumfänglich geglückt.

Das kleine Flugzeug mit der Immatrikulation HB-429, das nun wie neu im Gras des Flughafens steht, hat eine lange Geschichte als abgetakeltes Wrack hinter sich. Gebaut wurde er von der Flugtechnischen Zentrale auf dem Flugplatz Bern-Belp und wurde am 11. Oktober 1944 eingeflogen. Zuerst war er bei der Schweizerischen Segelflugschule Bern im Einsatz und kam am 23. Juli 1948 nach Grenchen, wo er bei der Segel- und Motorfluggruppe in der Pilotenschulung diente. Am 11. November 1952 wurde der Zögling vom Bundesamt für Zivilluftfahrt exmatrikuliert und definitiv stillgelegt. Die Segel- und Motorfluggruppe schenkte dann den Zögling als Ausstellungsobjekt der Stiftung Museum Grenchen.

Freude vor dem Erstflug: Thomas Fessler (zweiter von rechts) mit seinen Helfern von der Stiftung Segel-Flug Schweiz Walter Jäggi, Markus Müller, Marius Fink und Res Stotzer.

Freude vor dem Erstflug: Thomas Fessler (zweiter von rechts) mit seinen Helfern von der Stiftung Segel-Flug Schweiz Walter Jäggi, Markus Müller, Marius Fink und Res Stotzer.

Peter Brotschi

Ausgemustert, zerlegt und für Jahrzehnte eingelagert

Die Realisierung des heutigen Kultur-Historischen Museums Grenchen zog sich aber jahrzehntelang hin, sodass der Schulgleiter im Keller des Schulhauses Kastels und in der Heizzentrale des Schulhauses IV gelagert wurde, bevor ihn Thomas Fessler zu einem symbolischen Preis von der Stiftung Museum Grenchen übernahm und in den letzten Jahren wieder flugtüchtig restaurieren liess.

Als Schreinermeister mit eigenem Betrieb in Bettlach kennt sich Fessler im Holzbau aus, was ihm beim Wiederaufbau von historischen Segelflugzeugen hilft. Es war ein jahrelanger Prozess zusammen mit den Helfern der Stiftung Segel-Flug Schweiz, bis der Zögling vom Bundesamt für Zivilluftfahrt wieder die Zulassung zur Lufttüchtigkeit erlangte.

Das gutmütige Flugzeug hebt nach 70 Jahren wieder ab

Nun ist der Bettlacher Politiker entsprechend zufrieden, dass der zweite Erstflug bestens geklappt hat: «Im Gegensatz zu anderen Flugzeugen, welche ich einfliegen durfte, stellt der Zögling an den Piloten keine grossen Ansprüche, er hat sehr gutmütige Flugeigenschaften», sagt Thomas Fessler. «Daher war beim Erststart keine sehr grosse Anspannung vorhanden, sondern vor allem die Freude, dass ich den Zögling hier in Grenchen, wo er vor rund 70 Jahren seinen letzten Flug gemacht hat, einfliegen durfte.»