Man kennt die Problematik landauf, landab, doch ist sie in der «Autostadt» Grenchen vielleicht ausgeprägter als anderswo? Mütter oder Väter chauffieren ihre Sprösslinge, oft mehrmals täglich, mit dem Auto zwischen Haustür und Schulhaus hin und her.

Seit es im Zentrum nur noch Sekundarschulen hat, noch mehr. Dabei gefährden sie nicht nur die Gesundheit ihrer eigenen Kinder (der Bewegungsdrang der Kinder wird hintertrieben, die Verkehrskompetenz verkümmert), sondern auch diejenige jener Kinder, die zu Fuss oder mit dem Kickboard unterwegs sind.

Stadtpräsident François Scheidegger und Gesamtschulleiter Hubert Bläsi haben letzte Woche in der Schulanlage Eichholz einen Augenschein genommen und sich über das Ausmass der Elterntaxi-Problematik informiert.

«Es ist so, wie wir befürchtet haben, vielleicht noch schlimmer», meinte Bläsi nach dem Lokaltermin. Auf der Witmattstrasse und der unteren Bucheggstrasse standen die Autos am Mittag Stossstange an Stossstange.

Weites Einzugsgebiet

Die Problematik ist nicht nur offensichtlich, die Ursachen sind auch vielfältig, wie eine Gesprächsrunde im Anschluss zeigte. Vertreter und Vertreterinnen der Schule, des Eichholz-Elternrates, der Stadtpolizei, der Stadtplanung und von SO-Mobil diskutierten unter der Leitung von Schulleiter Mark Widmer mit Bläsi und Scheidegger.

Im «Eichholz» gehen etwa 420 Kinder zur Schule. Das Einzugsgebiet umfasst das ganze südliche Stadtgebiet, von der Gemeindegrenze Lengnau bis Bettlach, dazu den Weiler Staad. Manche Kinder haben somit einen weiten Schulweg und die Mittagspause ist kurz, so eine erste Feststellung. «Die jüngsten Kindergartenkinder sind vier Jahre und 10 Tage alt», stellte Widmer zudem in den Raum. Doch frühe Einschulung sei heute eben gewünscht.

Nebst den durchaus nachvollziehbaren Befürchtungen um die kleinen Kinder im Strassenverkehr kommen eher irrationale Ängste vor Entführungen ins Spiel; aber auch ganz einfach schlechtes Wetter oder Dunkelheit können eine Rolle spielen.

Eine Gesprächsrunde im Schulhaus Eichholz suchte nach Lösungen.

Eine Gesprächsrunde im Schulhaus Eichholz suchte nach Lösungen.

Rechtlich keine Handhabe

Polizeikommandant Christian Ambühl betonte, dass in gewissen gesellschaftlichen Milieus die Fortbewegung per Auto auch für kürzeste Strecken selbstverständlich, ja nachgerade statusbedingt sei. Ein Umdenken sei in diesen Kreisen eher schwer herbeizuführen.

Die Polizei sei gerade zum Schulbeginn vor Ort und führe in diesen Tagen auch in Zusammenarbeit mit Kindern eine Sensibilisierungsaktion mit Flyern bei den Elterntaxi-Chauffeuren durch; wobei es «psychologisch geschickter» sei, wenn die Autofahrer durch Kinder angesprochen werden, als wenn Polizisten den Drohfinger erheben.

Wozu sie gesetzlich eigentlich keine Handhabe haben, denn Elterntaxis sind per se nicht verboten. Verbote würden aber oft übertreten, beispielsweise das Befahren von Trottoirs um die Kids einsteigen und aussteigen zu lassen, oder das Missachten von Halteverboten. «Bauliche Massnahmen verlagern das Problem meistens nur um ein paar Meter», meinte Ambühl.

Wenn trotz allseitiger Ächtung die Elterntaxis weiter Hochkonjunktur haben, wäre es dann nicht sinnvoller, zumindest die Sicherheit zu erhöhen durch die Bereitstellung von Wendeplätzen, Einbahnregimes oder gar Einsteigekanten, fragte der Stadtpräsident am runden Tisch freimütig?

Unerwünschtes Verhalten nicht noch belohnen ...

Für die Fachleute kommt das nicht infrage, obwohl, wie festgehalten wurde, solche Lösungen andernorts effektiv existieren. Die Mehrheit ist aber der Meinung, dass man dadurch unerwünschtes Verhalten nur noch belohne.

So will man im Eichholz den Weg der Prävention weiter beschreiten. «Das Jahresmotto der Schule («Auf dem Weg») biete dafür durchaus Raum und allerlei Kampagnenmaterial ist vorhanden.

Prävention sei allerdings zwiespältig, insbesondere wenn Schulen für das ganze Spektrum von der Abfalltrennung über die gesunde Ernährung bis eben zur Schulweggestaltung verantwortlich seien. «Irgendwann müssen die Kinder auch noch lesen und schreiben lernen», brachte es Widmer auf den Punkt.

Zu Fuss gehen muss «in» sein

Hubert Bläsi wechselte immer wieder die Perspektive. Man dürfe nicht nur unerwünschtes Verhalten kritisieren, sondern das richtige Verhalten loben, ja sogar belohnen. So lasse sich menschliches Verhalten am besten steuern. «Zu Fuss zur Schule gehen ist cool, gefahren zu werden, muss irgendwann einmal uncool werden. Dies muss die Devise sein.»

Nach diesem Muster funktioniert die Kampagne «Walk to School» des VCS, die zurzeit wieder schweizweit durchgeführt wird. Schulklassen können möglichst viele Punkte sammeln und damit Reisegutscheine gewinnen.