Grenchen
Verschiebung der Gemeinderatssitzung: «Dafür habe ich null Verständnis»

Die Verschiebung der Gemeinderatssitzung in Grenchen wegen des Spiels Schweiz-Schweden kommt nicht nur gut an. Die Traktanden sollen nach der Sommerpause am 28. 8. wieder aufgenommen werden.

Oliver Menge
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Die Alte Turnhalle Grenchen soll umgebaut werden und künftig die Stadtbibliothek beherbergen – allerdings später als geplant

Die Alte Turnhalle Grenchen soll umgebaut werden und künftig die Stadtbibliothek beherbergen – allerdings später als geplant

Oliver Menge

Am Donnerstag informierte die Kanzlei der Stadt Grenchen, Stadtpräsident François Scheidegger habe wegen des WM-Fussballspiels der Schweiz «auf vielfältigen Wunsch und nach Rücksprache mit den Fraktionschefs und Vize-Stadtpräsident Remo Bill entschieden, die Sitzung des Gemeinderates vom 3. Juli 2018 (17.00 Uhr, GR-Saal, Rest. Parktheater Grenchen) abzusagen.» Die Traktanden sollen nach der Sommerpause am 28. 8. wieder aufgenommen werden.

Ein Teil der 15 Gemeinderätinnen und -räte begrüsst die grosszügige Geste des Stadtpräsidenten und der Fraktionschefs bestimmt. Andere haben weniger Freude daran, wie zum Beispiel Stadtbaumeisterin Drazenka Dragila. Traktandiert war unter anderem die Genehmigung des Projekts und eines Ausführungskredits über eine Million Franken für den Umzug der Stadtbibliothek in die alte Turnhalle. «Wir haben letzten Herbst einen Zeitplan für den Umbau festgelegt. Die Detailpläne wurden von den Architekten ausgearbeitet, die Arbeiten wurden ausgeschrieben, auch um dem Rat eine bis auf 5% genaue Angabe zum benötigten Kredit geben zu können.

Die Firmen wurden dahingehend informiert, dass sie bei einem Ja des Gemeinderates am 4. Juli im August mit den Arbeiten beginnen können», sagt Dragila auf Anfrage. Jetzt werde alles einfach hinausgezögert. «Es geht ja nicht nur darum, dass diese Firmen, die mit den Umbauten beauftragt werden, sich den Sommer für dieses Projekt reserviert und eventuell im Herbst und Winter andere Arbeiten eingeplant haben. Falls der Gemeinderat Ende August ja zum Kredit sagt, fehlen unter Umständen die Kapazitäten.»

Wie in den GR-Unterlagen deutlich beschrieben, ziehe das Ganze auch einen Rattenschwanz hinter sich her, so die Stadtbaumeisterin: Man will im Zug der Ende 2016 beschlossenen Schulraumplanung die Küchen im Halden und Eichholz in den freiwerdenden Raum im Schulhaus I transferieren. Oberstufenschülerinnen und -schüler sollen den Hauswirtschaftsunterricht künftig im Zentrum besuchen können und in den beiden Schulhäusern wird längst benötigter Schulraum frei. «Der Umbau der Bibliothek dauert 9 - 10 Monate, die Küchen nochmals eine gewisse Zeit. Jetzt um zwei Monate verschieben bedeutet unter Umständen, dass der schon jetzt benötigte Schulraum im Halden und im Eichholz erst in zwei Jahren bereitsteht.» Ausserdem sagts sie: «Jedes Projekt, welches länger dauert, kostet auch mehr.»

Gesamtschulleiter Hubert Bläsi meint auf Anfrage diplomatisch dazu: «Seitens der Schule besteht ein starkes Interesse, dass es rasch geht und es keine weiteren Verzögerungen mehr gibt, denn der zusätzliche Schulraum im Halden und im Eichholz wird dringend benötigt.»

Keine einzige positive Stimme

Eine spontane kleine Umfrage auf der Strasse lässt vermuten, dass sich die Politik mit der Absage keinen Gefallen getan hat: «Dafür habe ich null Verständnis», meint ein Rentner, der sein Leben lang in Führungspositionen tätig war. «Es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, eine Verwaltungsratssitzung oder ähnlich wegen eines Fussballspiels zu verschieben. Und glauben Sie mir, ich war selber lange aktiver Spieler, das Interesse ist also da. Aber das Tagesgeschäft geht vor. Das müsste auch bei der Regierung so sein. Das sind sie ihren Wählern doch schuldig.» Eine Geschäftsfrau sagt: «Auch wenn wir garantiert den Laden leer haben, weil alle den Match schauen: Ich kann doch nicht einfach zumachen und meinen Angestellten frei geben? Das kommt in der Geschäftswelt bestimmt schlecht an. Aber das ist wieder mal typisch für Grenchen – ein bisschen Seldwyla halt».

Warum nicht nach hinten schieben um ein paar Stunden? Dass die Sitzung verschoben werde, hätten sie auch gehört, sagen zwei junge Frauen beim Café. Sie seien aber zuerst davon ausgegangen, dass die Sitzung einfach etwas später am selben Tag stattfinde. «Aber zwei Monate Verzögerung finde ich gar nicht gut», meint die eine. Ständig werde alles verschleppt in dieser Stadt.

«Die Idee grundsätzlich ist gut, denn sonst sind die Gemeinderäte nur mit einem halben Ohr bei der Sache,» meint ein Herr in den Fünfzigern. «Aber warum hat man nicht einfach die Sitzung ausnahmsweise auf 19 oder 19.30 Uhr festgesetzt? Zwei, drei Stunden verschieben, das wäre vernünftig, dann ist der Match vorbei. Aber zwei Monate? Das isch Chabis!»