Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schultag?

Hubert Bläsi: Ja, und wie! Die Lehrerin - es war Elsbeth Studer im Kastels - fragte: Was ist schwerer, ein Kilo Blei oder ein Kilo Federn? Ich meldete mich sofort und sagte spontan: Ein Kilo Blei, womit ich mich dem Gelächter der Anwesenden aussetzte. Seither weiss ich: In der Schule musst du aufpassen, was du sagst. Allerdings: Als ich später die Begebenheit bei der Behandlung von Massen meinen Schülern erzählte, meldete sich wiederum ein Schüler und meinte: Sie hätten der Lehrerin sagen sollen, sie solle unten auf den Pausenplatz stehen und die Schüler werfen ein Kilo Blei und ein Kilo Federn auf sie hinunter. Da hätte sie gespürt, was schwerer ist... Zum Glück ist es in der Schule immer wieder so: Fehler sind Gelegenheiten, weiter zu denken.

Und wenn Sie am Montag wieder vor einer neuen Klasse stehen, was sind da Ihre Gedanken?

Es ist jedes Mal eine Zäsur: Meine über 20 engsten Mitarbeiter wechseln auf einen Schlag. Diesmal ist es zudem so, dass diese 5. Klasse eine neue Zusammensetzung hat und somit die Klassenkameraden auch für die Schüler teilweise neu sind. Im Hinblick auf die Oberstufenreform wurden aus geografischen Gründen zwei Klassen halbiert und neu zusammengestellt. Die Herausforderung für uns besteht darin, gemeinsam einen neuen Klassengeist aufzubauen. Das Leistungsziel auf der Selektionsstufe lautet eigentlich wie immer, dass nach zwei Jahren möglichst alle den Level erreichen, mit dem sie in der Oberstufe am richtigen Platz sind. Dies ist eine Herausforderung, welche ich aber gern annehme. Persönlich sind meine Gedanken am Montag auch bei meiner Tochter, welche in Grenchen ihre erste Stelle als Lehrerin antritt. 

Und den Politiker, wie gut können Sie den wegstecken?

Ich glaube, gut. Ich versuche zwar, die Kinder zu politischem Denken anzuregen, will sie aber nicht beeinflussen. Reklamationen hat es jedenfalls noch keine gegeben, obwohl ich auch Kinder von Gemeinderatskollegen in meiner Klasse hatte.

Die Grenchner Schulen wurden in den letzten Monaten oft thematisiert, auch aufgrund der Evaluation durch den Kanton. Fazit war: Grenchen hat gute Schulen. Ist das schöngeredet oder stimmt es wirklich?

DIE eine Schule gibt es nicht und es wäre vermessen zu behaupten, in Grenchen sei alles ideal. Verbesserungspotenzial gibt es immer, denn die Schule ist ein lebendiges Gebilde. Dass Grenchen gute Schulen hat ist aber mehr als ein Spruch, denn ich erkenne, dass sehr engagierte Lehrpersonen am Wirken sind.

Sieht das die Politik auch so?

Nach meiner Überzeugung, ja. Wenn man allerdings den Anspruch hat, Optimierungen und damit auch Veränderungen vorzunehmen, wird das zeitweise als Attacke interpretiert. Bei der Diskussion über den neuen Gesamtleiter Schulen ist das leider auch passiert. Doch wenn man erkennt, dass Grenchen die einzige Schule im Kanton ist, welche ohne Chef mit Weisungsbefugnis agiert, war es sicher nicht vermessen, eine andere Form ins Spiel zu bringen.

Die Einführung eines Schuldirektors war das Ziel der FDP und die wichtigsten Entscheide sind inzwischen gefallen. Entsprechen Sie Ihren Vorstellungen?

Meine Partei hat tatsächlich darauf hingearbeitet und hatte meine Unterstützung, auch wenn ich mich aus direkter Betroffenheit heraus manchmal der Stimme enthalten habe. Es brauchte etliche Anläufe, doch jetzt bekommt Grenchen eine Person, die den Schulen ein Gesicht geben wird, einen Gesamtleiter Schulen. Die heutige Organisationsform empfinde ich dabei als Vorstufe für diese logische Weiterentwicklung.

Die Gemeindeversammlung kann immer noch nein sagen zum Systemwechsel.

Theoretisch stimmt das. Das neue Führungsmodell ist jedoch so gut austariert, dass am Ende im Gemeinderat eine sehr deutliche Mehrheit zu Stande gekommen ist. Ich bin deshalb zuversichtlich. Die Argumente selber sprechen eine klare Sprache, so dass man zum vorliegenden Modell guten Gewissens ja sagen kann.

Die Kompetenzen des Gesamtschulleiters waren lange umstritten. In der GRK wurde beschlossen, dass weiterhin die einzelnen Schulleiter die Lehrkräfte anstellen. Sie wollten es ursprünglich anders...

So, wie das System jetzt ausgestaltet ist, ist beiden Ansprüchen genüge getan. Denn wo gibt es einen Betrieb, wo nicht auch der Chef das Okay zu einer Anstellung beisteuert? Ich erinnere daran, dass die einvernehmliche Anstellung einer Lehrperson durch den Gesamtleiter Schulen, im Verbund mit dem Schulleiter, für letzteren auch eine Rückenstärkung bedeuten kann. Es erleichtert auch den Austausch der Lehrpersonen unter den verschiedenen Schulhäusern und fördert eine gemeinsame Kultur in den Grenchner Schulen. Mit der Oberaufsicht des Gesamtschulleiters geht es nicht darum, Entscheide in Frage zu stellen, sondern dahinter steht der Gedanke der Optimierung.

Das Ende von Grenchens Sonderzug bei der speziellen Förderung scheint absehbar - oder doch nicht?

Es ist kein Geheimnis, dass ich das separative System favorisiere, also mit Einführungs- und Kleinklassen. Die Defizite gewisser Schüler sind derart gross, dass sie in den Regelklassen nicht einfach durch wenige Lektionen einer Heilpädagogin in den Griff zu kriegen sind. Umso mehr, wenn man sieht, dass die Heilpädagogen zunehmend unzufrieden sind. Zitat: Wir sind keine Nachhilfelehrer. Auf kantonaler Ebene wird nach wie vor eine Person gesucht, welche bereit ist, im Lehrerverband das Präsidium für diesen Bereich zu übernehmen. Ich bin deshalb im Kantonsrat für die Wahlfreiheit zwischen integrativ und separativ auf Gemeindeebene eingestanden, bzw. habe diese Idee zusammen mit Ratskolleginnen und Kollegen lanciert. In einer kleinen Gemeinde ist ein Kind, das extern in eine Kleinklasse reisen muss, tatsächlich exponiert. In grösseren Gemeinden wie Grenchen, sind Kleinklassen aber das Richtige, da eine höhere Anzahl solcher Schüler vorhanden ist und sie in der Klasse umfassender gefördert werden können. Es geht nämlich oft um viel mehr als ’bloss’ um kognitive Defizite.

Der Entscheid über die spezielle Förderung war bereits einmal im Gemeinderat traktandiert, wurde dann aber verschoben. Warum?

Die Zeit für einen Entscheid ist einfach noch nicht reif. Aus gutem Grund wurde der Versuch im Kanton ja bis 2018 verlängert. Man macht doch nicht einen vierjährigen Versuch und entscheidet bereits nach einem Jahr. Es ist deshalb unnötig, dass wir in Grenchen etwas übers Knie brechen, wenn noch überhaupt kein Druck besteht.

Grenchen ist daran, die Tagesschulen auszubauen. Wie gross ist das Bedürfnis effektiv?

Was mir nicht gefällt ist der Begriff Tagesschule. Ich bevorzuge den Ausdruck Tagesstrukturen, da ja die Schüler in der Mittagspause oder bei den weiteren Angeboten nicht von Lehrpersonen betreut werden. Das Bedürfnis für die Betreuung jüngerer Kinder ist sicher vorhanden. Die Kunst besteht jetzt darin, in den Quartierschulhäusern ein Angebot aufzubauen, welches den effektiven Bedürfnissen entspricht und notabene auch finanzierbar ist.

Die Organisatoren klagen über mangelnde Anmeldungen.

Ich habe hier den Überblick nicht, kann mir aber vorstellen, dass in der Übergangsphase der Oberstufenreform, wo ja viele Schüler einem neuen Schulkreis zugeteilt werden, eine gewisse Verunsicherung besteht. Das wird sich aber einpendeln.

Zurück zum ersten Schultag: Wie läuft er im Schulhaus IV ab?

Wir treffen uns in der Aula zum gegenseitigen Kennenlernen. Lehrpersonen, Hauswart und Schulleitung stellen sich vor, man erklärt, was man wo findet. Im Sinne eines Rituals bieten alle Klassen einen kleinen Auftritt. So versuchen wir auch einen Geist des Schulhauses IV zu etablieren, wenn man das so nennen kann. Auch begrüssen die Schüler diejenigen die neu ins Schulhaus kommen mit Musik, wie auch einem Spalier. Zum Schluss gibts noch für alle ein Pausenbrötli. Anschliessend geht es los mit dem Unterricht und hoffentlich vielen Erfolgserlebnissen.