«Macht vorwärts, ihr seid spät dran», meint Thomas Iseli, der Hauswirt des Ferienheims Grenchen in Prägelz. Er hat den Mittagslunch nach draussen gebracht – Sandwiches, Rüebli, Äpfel, ein paar Süssigkeiten, Tee und Wasser. Jedes der 26 Kinder kann sich bedienen und sein Zmittag in den Rucksack packen.

Einige der Kinder binden sich drinnen in der Eingangshalle noch die Wanderschuhe, andere suchen ihre Sonnenbrille oder sonst noch irgendwelche Utensilien, die sie mitnehmen wollen. Die meisten sind schon parat und warten.

«Wem gehört diese Socke? Da liegt eine Socke, wem gehört die?», anscheinend niemandem, denn keines der Kinder meldet sich. «Die ist sicher einem der Jungs», meint ein Mädchen, «die Buben haben ihre Zimmer nämlich über dem Eingang.»

Seit Montag verbringen die 26 Kinder, alles Dritt- bis Sechstklässler, eine Woche ihrer Herbstferien im Ferienheim Grenchen oberhalb des Bielersees in Prêles. Manche sind zum ersten Mal dabei, andere besuchten die Ferienkolonie schon mehrmals, so wie zum Beispiel die 12-jährige Lisa, die schon elf Mal teilgenommen hat. «Dieses Jahr haben wir mehr ältere Schülerinnen und Schüler, als in anderen Jahren», sagte Nadjia Berisha, eine von drei Lagerleiterinnen.

Am Tag ihrer Ankunft am Montag wurden sie sogleich über die Hausregeln informiert. Keine Strassenschuhe im Haus, keine Hausschuhe draussen, wie man mit Spielsachen und Geräten umgehen muss und so weiter.

Auch das Verhalten im Brandfall wurde geschildert, wohin die Kinder flüchten sollen und wo die Besammlungspunkte sind. Danach gings ans Ämtliverteilen: Tische putzen, Esssaal aufräumen, Tisch decken und so weiter. Erst dann konnten die Kinder ihre Zimmer beziehen – die Jungs im ersten, die Mädchen im zweiten Stock. Danach konnten sie das Heim, die Umgebung und das Dorf Prêles erkunden.

Umfangreiches Programm

Drei Leiterinnen, zwei Primarlehrerinnen und eine Kindergärtnerin, sind die ganze Woche dafür besorgt, dass den Kindern nie langweilig wird. Ein umfassendes Programm ist geplant mit diversen Aktivitäten rund ums Haus, aber auch einigen Ausflügen.

Am Dienstag hiess es also schon früh aufstehen, denn etwas Besonderes stand auf dem Programm: Lama-Trekking. Nach dem Frühstück hiess es, den Rucksack zu packen und sich auszurüsten. Eine Jacke war nötig, denn obwohl die Sonne schien, pfiff die Bise um die Häuserecken und die Temperatur erreichte am Morgen nur gerade mal 8 Grad.

Zehn Lamas und ein Alpaka

Endlich waren alle abmarschbereit, auch die letzten Rüebli eingepackt und los ging’s mit dem Postauto zum Eingang der Twannbachschlucht. Die Gruppe wurde von Bernhard Blaser abgeholt und zu einer Koppel geführt, in der zehn Lamas und ein Alpaka schon ungeduldig warteten.

Blaser, der professionell Lama-Trekking anbietet, musste sich erst einmal Gehör verschaffen, denn die Aufregung war gross und die Kinder laut. «Ihr müsst jetzt ruhig sein, denn euer Geschrei macht die Tiere nervös», meinte Blaser bestimmt.

Die Kinder konnten sich paarweise eines der Tiere aussuchen, die Halfter und Leinen wurden verteilt – jedes Lama hat sein eigenes Halfter – und die Kinder führten die Tiere aus der Koppel. Jetzt wurden sie instruiert, wie man richtig mit den Lamas umgeht, wie man die Leine richtig hält und wie man neben den Tieren laufen muss.

«Ihr müsst jetzt eure Angst, die ihr vielleicht habt, in den Hosensack stecken, denn Angst braucht ihr keine zu haben, aber Respekt», sagte Blaser. Er erklärte den Kindern, dass die Lamas Herdentiere seien und in einer strengen Hierarchie leben.

«Wisst ihr, was eine Hierarchie ist?» Ein Tier sei der Chef, dann gebe es eine Nummer zwei, eine Nummer drei und so weiter. Wenn man aber mit einem Lama unterwegs sei, müsse man diesem zeigen, dass man selber jetzt sein Chef sei und es zu gehorchen habe.

Lama-Trekking der Ferienkolonie Preles

Lama-Trekking der Ferienkolonie Preles

Verantwortung übernehmen

Auch das berüchtigte Spucken der Lamas wurde thematisiert, denn eines der Tiere spuckte zwar nicht, aber «räusperte sich» vernehmlich. «Auch das hat etwas mit der Hierarchie zu tun, denn mit diesem Räuspern signalisieren sie einem untergeordneten Tier, dass es ihm zu nahe gekommen ist.»

Das habe aber überhaupt nichts mit dem «Verteidigungsspucken» zu tun, «denn das tun die Tiere nur in äussersten Notsituationen, wenn sie sich wirklich bedroht fühlen, und das passiert hier niemals», erklärte Blaser.

«Ihr müsst jetzt Verantwortung übernehmen und immer aufpassen, damit es keinen Unfall gibt. Auf der Strasse kommen uns Autos und Mountainbiker entgegen, darum immer schön rechts und hintereinandergehen, immer aufschliessen. Denn macht ihr das nicht, kann das Lama ausbüxen, und dann habt ihr ein Problem. Die rennen nämlich bis gegen 60 Stundenkilometer schnell.» Aber, weil sie Herdentiere seien, würden sie zusammenbleiben, wenn man sie entsprechend führe. Und wie gesagt, kein Geschrei ...

Dann machten sich die Kinder mit den Tieren auf den Weg, über kleine Strassen und Wege hoch zum Feriendorf Twannberg und auf Waldwegen quer durch den Wald. Es war offensichtlich: Diese Tiere machten das nicht zum ersten Mal, sie trotteten brav hintereinander her. Nur ab und zu mussten die frischgebackenen, jungen Lamaführer sie daran hindern, sich am Wegrand zu verpflegen, so, wie es ihnen Bernhard Blaser beigebracht hatte.