Der Walliser Schauspieler Diego Valsecchi und der Winterthurer Theatermusiker Pascal Nater präsentierten mit ihrem Programm «grenzwertig» musikalisches Kabarett mit Tiefgang. Die beiden Künstler kommen ungemein charmant daher, einlullen lassen sollte man sich von ihnen aber nicht.

Denn sie schonen während zweier Stunden nichts und niemanden. Mit bissiger Ironie und teilweise unverhohlener Satire werden Volkspopulisten, Künstler-Kollegen, Stammtischwitze, und viel Urschweizerisches auf die Schippe genommen, nicht einmal das Publikum oder die Kleintheater-Szene ist von ihren messerscharfen Attacken sicher. Sie selber schon gar nicht.

Mit geschliffenen Versen, musikalischer Brillanz, Liedern voll Poesie und einer Wortgewandtheit, die immer wieder erstaunt, loten sie die Grenzen der Schicklichkeit schon mal aus. Geht es zum Beispiel noch an, Toni Brunners behinderten Bruder mit in die kritischen Betrachtungen einzubeziehen? Wie weit darf man ganz offensichtliche politische Unkorrektheiten (krauses Negermädchen) in ein Programm einbinden, das ohne Zweifel den Finger auf offene Wunden in unserem ach so perfekten System legt?

Grenzwertig und innovativ

Die beiden Protagonisten scheuen sich auf jeden Fall nicht und gehen kompromisslos ihren Weg. Sie singen von verlorenem Fahnenstolz und Mani Matters Dynamitstange, erklären den helvetischen Standardwitz in freudscher Manier, den Zusammenhang von Glaube und Kapitalismus und moderieren sich gewandt und charmant durch ein Wechselbad grenzwertiger Gefühle.

Und verblüffen immer wieder mit innovativen Ideen. Herrlich etwa der heisse Tanz zwischen Wirtschaft und Demokratie oder der nicht gerade in Minne verlaufende Ausflug des frischgebackenen Vaters auf den Spielplatz. Feinsinnig und gewitzt der Blick ins Jenseits. Schneidend der Ausflug in die Märchenwelt, in welcher «der König vom herrlichen Berg» ohne Skrupel seinen offenbar vorgespurten Weg geht. Bitterbös der Ausflug in ein urschweizerisches Reservat, in welchem sich «Fuchs und Hess» gute Nacht sagen, um nur einige Perlen herauszugreifen.

Dass der Funken nicht ganz wie wohl gewünscht auf das Publikum rüber sprang, mag damit zu tun haben, dass in der ansonsten dichten und wohlfeilen Darbietung doch die eine oder andere Länge auszumachen war. Aber, das ist «Jammern» auf hohem Niveau. Denn Valsecchi&Nater, die in der Szene noch relativ neu sind, haben echt viel Potenzial.

Nach der Saison ist vor der Saison

Mit diesem politisch-musikalischen Kabarett ging das Programm des Kleintheaters für die Saison 2015/16 zu Ende. Eine Saison, welche gute und spannende Unterhaltung bot für ein Publikum, welches es mag, auch mal über die Nasenspitze hinaus zu denken. Entsprechend positiv fällt denn auch die Bilanz von Präsidentin Marisa Thöni aus: «Ich glaube, wir konnten dem Publikum ein abwechslungsreiches Programm bieten, welches zwar sehr anspruchsvoll war, welches aber auch eine gute Durchmischung von Wort- und Musikbeiträgen beinhaltete.»

Vom Publikumsaufmarsch her sei man zufrieden, auch wenn naturgemäss nicht alle Vorstellungen gleich gut besucht waren. «Trotzdem konnten wir mindestens gleich viele Zuschauer begrüssen wie letzte Saison.»

Nach der Saison ist bekanntlich vor der Saison und so wird sich das Kleintheater-Team bereits Mitte April nach Thun begeben, um dort an der Börse nach geeigneten Beiträgen für das nächste Programm zu forschen. «Es wird acht Vorstellungen geben, wobei mit Michael Elsener und Karim Slama bereits zwei Auftretende feststehen», erklärte die Präsidentin weiter. Zuvor ist das Kleintheater aber auch an der Kultur-Nacht vom 30. April vertreten, und zwar mit dem Illusionisten Blake Eduardo und der Komikerin, Musikerin und Kolumnistin Lisa Catena.