2014 stiess die Kantonsarchäologie während der Arbeiten für den Neubau eines Mehrfamilienhauses mitten in Grenchen auf ein Gräberfeld aus dem frühen Mittelalter. In fast fünfzig, rund 1400 Jahre alten Gräbern waren noch Skelette vorzufinden. Sie waren in sieben Reihen bestattet. Der Kopf lag im Südwesten, die Füsse im Nordosten.

Zirka 60 bis 65 Skelette wurden gefunden, wie Sabine Landis, verantwortliche Anthropologin für die Untersuchung der Skelette, erklärt. «Die genaue Anzahl der Menschen, die auf dem Gräberfeld bestattet worden sind, kann nur geschätzt werden.» Dies, einerseits weil in einigen Gräbern mehrere Personen nacheinander begraben wurden; andererseits, weil bei früheren Grabungen eine unbekannte Zahl an Skeletten geborgen wurde.

Ein Knochen-Puzzle

Der Weg vom Fund bis zur Auswertung der Skelette ist lang. Und auch die Skelette sind bereits mehrmals umgezogen, bis sie im Untersuchungsatelier angelangt sind. Dieses befindet sich in Grenchen. Wo genau, behalten die Verantwortlichen für sich.

Am Grabungsort werde sofort entschieden, ob eine DNA-Probe entnommen wird. Dann dürfen die menschlichen Überreste nur von Experten mit steriler Ausrüstung berührt werden. Bei den Grenchner Skeletten wurden einige wenige DNA-Proben entnommen, separat verpackt und gelagert. Bereits bei der Grabung wurde die Lage der Skelette massstäblich dokumentiert.

Dann wurden die alten Grenchner Knochen gewaschen, verpackt und der Anthropologin übergeben. Da es sich um Gräber handelt, seien die Skelette einigermassen sortiert verpackt worden, dennoch werde jeder Knochen einer Prüfung unterzogen und das Skelett wird wieder zusammengesetzt, so Landis. Sie versucht, auch die kleinsten Fragmente einem Knochen zuzuordnen. Wenn unterschiedliche Knochenfragmente lückenlos zusammengeführt werden können, verklebt sie die Anthropologin. «Vor allem bei Schädeln ist dies wichtig», so Landis, dies vereinfache den Vermessungsprozess.

Alter, Geschlecht und Befassung

Die Skelettanalyse bestehe grundlegend aus drei Teilen: Zuerst sollte ein Inventar aller erhaltenen Knochen gemacht werden, darauf folgend werden die Messungen der verschiedenen Knochen-Abschnitte vorgenommen und schliesslich erfolge die Auswertung. Bei der Messung werde beispielsweise bei Röhrenknochen Länge und Umfang erhoben. Weiter werden Merkmale, hauptsächlich an Kopf, Becken und Langknochen erfasst, die auf das Geschlecht des Menschen rückschliessen lassen.

Am Schluss werden die erhobenen Merkmale in einer Reihe von «typisch männlich» bis «typisch weiblich» graduiert. Man könnte meinen, nach der Messung und Bewertung erhalte man zweifelsfrei Auskunft über das Geschlecht des jeweiligen Skeletts, dem ist aber nicht so: «Manchmal kann nicht eindeutig gesagt werden, ob es sich um ein männliches oder weibliches Individuum haltet, der Schädel kann beispielsweise auf eher männlich hindeuten, das Becken gleichzeitig auf nicht männlich», unterstreicht Landis.

Andere Analysen führen zur Eingrenzung des Alters: «Wenn die Individuen über 25 Jahre alt sind, ist eine präzise Altersangabe schwieriger, es kann aber eine Altersspanne angegeben werden», so Landis. Bei den Kindern hingegen könne das Alter mit grösserer Genauigkeit aufgeführt werden, ausschlaggebend seien hierfür die Knochenreifungsstadien und die Zahnentwicklung, beziehungsweise die Milchzähne.

Zur anthropologischen Analyse gehört auch die Bewertung von Krankheitszeichen am Knochen. Verantwortlich für Letzteres ist Kantonsarzt Christian Lanz. «In dieser Phase suchen wir nach Anomalien», sagt Lanz. In einigen Fällen kann ein Röntgenbild weiterhelfen. Dennoch, «nur wenige Krankheiten hinterlassen Spuren am Knochen – und der Knochen als Organ hat nur wenige Krankheiten», betont Lanz. «Abgesehen von einer eindrücklichen Entzündung eines Unterschenkelschaftes, also des Schien- und Wadenbeins, und wenigen, geheilten Brüchen, finden wir bei den Grenchner Skeletten insgesamt wenig Hinweise auf Krankheiten.» 

Solche Analysen können wichtige Informationen über den Fund und die Bevölkerung liefern, so zeigt etwa die Arm- und Handstellung, wie die Toten bestatten wurden. In Grenchen, so Landis, handelt es sich um eine für das Frühmittelalter typische Grabstätte: Die Verstorbenen wurden in gestreckter Rückenlage bestattet.

Aus der anthropologischen Analyse geht hervor, dass in der Grenchner Grabstätte Menschen aller Altersgruppen begraben wurden – die rund 60 gefundenen Individuen waren von vier bis über sechzig Jahre alt und viele davon seien Jugendliche, stellt Landis fest. Säuglinge wurden keine gefunden, «oftmals wurden die Babys an einem anderen Ort vergraben». Die Untersuchung deutet auf viele männliche Skelette, wobei auch sehr viele Individuen ein indeterminiertes Geschlecht haben.

Wie für die mittelalterliche Bevölkerung üblich, legten auch die Grenchner Individuen eher wenig Wert auf Zahnhygiene: Es finden sich viele kariesbefallene oder gar ausgefallene Zähne.