Wie auf allen Bühnen dieser Welt verläuft die erste technische Probe eher chaotisch. Zum ersten Mal sind Scheinwerfer auf das Bühnenbild auf dem Eichholzhügel gerichtet, zum ersten Mal sind das Orchester und die Darsteller über die eben erst eingerichtete Tonanlage zu hören.

Giftige Bise

Es ist kurz vor halb acht. Eigentlich hätte die Probe bereits vor eineinhalb Stunden beginnen sollen, doch erst jetzt werden die Darstellerinnen und Darsteller mit Drahtlosmikrofonen ausgerüstet. Eine Gruppe junger Mädchen und Männer übt eines der Gesangsstücke auf dem überdimensionalen stilisierten Zifferblatt mitten im Bühnenbild. André von Arb, der Verantwortliche für Licht und Ton, klettert auf eine hohe Leiter mitten in der Szenerie und befestigt die Beleuchtungsrampe am Dach der Zuschauertribüne.

Iris Minder, Regisseurin und Autorin des Stücks «Uhregrübler», das am 13. Juni uraufgeführt wird, tigert nervös umher. Diejenigen Darstellerinnen und Darsteller, die bereits verkabelt sind, suchen auf den Zuschauerplätzen Schutz vor der giftigen Bise, die über den Hügel pfeift. Kurz nach acht gibt Iris Minder das Startsignal, nachdem sie ihr Team gewarnt hat: «Es ist eine technische Probe, ihr seid das erste Mal mit den Mikrofonen ausgerüstet, aber ihr werdet unter Umständen nicht zu hören sein. Lasst euch dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Ihr wart super gestern und ihr müsst nur daran glauben, dass ihr gut seid.» Mit einem Schmunzeln fügt sie hinzu: «Schliesslich haben wir ja auch noch etwas Zeit.»

Auftritt der Zeit. «Ich bin die Zeit. Die Zeit. Wer bin ich? Wie bin ich? Kann man mich messen? Kann man mich fassen? Meine Wahrheit kennen? Kann man mich begreifen? Kann man mich erkennen? Mich im Kern verstehen?

Alle Darsteller haben sich auf dem Zifferblatt versammelt. Eine Gemeindeversammlung wird abgehalten. Der «Ammann» will mehr. Er will das Bauerndorf «Granieburg» vorwärtsbringen und in eine erfolgreiche Zukunft führen. Er braucht eine zündende Idee, aber er ist nicht eben mit Geistesblitzen gesegnet. Da tauchen zwei Schelme auf, die sich als Manager ausgeben und den Leuten die Zeit, die Zeitmessung verkaufen.

Es ist eigentlich die Geschichte Grenchens, welche Iris Minder auf die Bühne bringt. Die Geschichte eines Bauerndorfes, dessen Bevölkerung durch den Einzug der Moderne - sinnbildlich im Stück die Einführung der Zeitmessung und Zeiteinteilung - in zwei Lager gespalten wird. Aber auch die Geschichte einer Gesellschaft, die von einflussreichen Menschen vordergründig vorwärtsgebracht wird, die aber eigentlich nur an ihrem eigenen Wohl interessiert sind und sich nicht davor scheuen, dafür «über Leichen» zu gehen. Minder stellt in ihrem Stück die Gier an den Pranger. Sie stellt aber auch zwei Zeitbegriffe gegeneinander: «zyklisch» wie bisher und «linear» als neue Zeiteinteilung der Moderne.

Auftritt von Till und Tim: «Mir si Zytmänätscher. Diräktore uf der Suechi nach innovative Gmeinde, wos für wichtig aaluege, e lukrativi, gwinnorientierti und leischtigsoptimierti Zuekunft für iri Jugend z ermögleche.»

Plötzlich knallt es aus den Lautsprecherboxen, Iris Minder zuckt zusammen. «Was isch jetzt das gsi»? Eines der Drahtlosmikrofone hat die Störung verursacht. Überhaupt ist öfters ein rollendes Donnergeräusch von der Tonanlage zu hören, denn die Mikros geben die Windgeräusche unbarmherzig weiter. Noch nicht alle Darsteller haben ihr Mikrofon erhalten. Ohne die Tonverstärkung sind sie bei dem Rauschen in den Bäumen, das die Bise verursacht, kaum zu verstehen. Das soll sich bis zur Uraufführung noch ändern. Bis dahin kennt der Tontechniker auch den Ablauf des Stücks, wer wann was sagt oder singt. Er wird ab jetzt bei allen Proben dabei sein, nur heute ist es ein Sprung ins kalte Wasser und ein Vabanque-Spiel, ob er den richtigen Regler zum richtigen Zeitpunkt auf- oder zudreht.

Der Bürgermeister von Granienburg ist mittlerweile Direktor. Seine Familie ist auseinandergebrochen, sie wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Denn er hat Beziehungen getrennt, Freunde geopfert, jeden entlassen, der ein Widerwort sprach. Alles nur, um seinen persönlichen Gewinn zu maximieren. Die kleinen Leute, die Arbeiter, schuften von früh bis früh, denn man richtet sich nicht mehr nach dem Lauf der Sonne, sondern nach der Uhr.

«Uhregrübler» findet am Schluss ein gutes Ende, so viel sei hier verraten, mehr nicht.

Auftritt Till und Tim: «Lue, wie si hetze u renne der Zyt hindenache, der Zyt vorus. Ja, mir hei's gschafft: Zyt verchouft. Zyt isch Gäld, vil Gäld.»

Die Probe endet kurz nach zehn. Alle sind mehr oder weniger durchfroren und froh, in die Garderobe flüchten zu können. Regisseurin Iris Minder bespricht sich mit dem Gesangscoach Damian Meier, der sich während der Probe auf die Zuschauertribüne geschlichen hat. Einige Gesangsnummern müssen speziell geübt werden. Auch stimmt die Beschallung für die Darsteller auf der Bühne noch nicht, sie hören sich selber zu wenig. Bereits bei der nächsten Probe wird man dieses Problem gelöst haben, wie auch manch anderes, das heute aufgetreten ist. Und schliesslich hat man noch etwas mehr als eine Woche Zeit. Reale, lineare Zeit.

Freilichttheater Grenchen: «Uhregrübler» - ein Singspiel, Text und Regie
Iris Minder, Musik: Les Rubis.
Uraufführung 13. 6. 2013. Weitere Spieldaten, Reservation und alle Infos unter
www.freilichtspiele-grenchen.ch