Werkplatz
Trotz «Papieri»: Das Stahlwerk Gerlafingen behauptet sich

Kahlschlag in der Region: Nach dem Aus für die Zellstofffabrik Borregaard, der Kartonfabrik Deisswil und dem drohenden Ende der Papierfabrik Biberist stellt sich die Frage, was passiert mit der übrigen, in der Region angesiedelten Basisindustrie.

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Auf der Walzstrasse werden Stahlknüppel vollautomatisch in Flachprofile «umgearbeitet».

Auf der Walzstrasse werden Stahlknüppel vollautomatisch in Flachprofile «umgearbeitet».

Felix Gerber

Zum Beispiel mit der traditionsreichen Stahl Gerlafingen AG, die sich ebenfalls in ausländischer Hand befindet. Bevor Lukas Stuber, operativer Chef des Stahlwerkes, antwortet, führt er den Besucher zum Knüppellager des Walzwerkes. Dort stapeln riesige Pneulader heisse, zuvor im benachbarten Stahlwerk aus Eisenschrott gegossenen Knüppel von 6,4 Meter Länge auf.

Per Kran gelangen sie in den neuen Hubherdofen, wo sie auf über 1200 Grad erhitzt werden. Wie glühende Schlangen durchlaufen sie anschliessend in hohem Tempo die neue, rund 600 Meter lange Walzstrasse.

Mehrere Pressen drücken den glühenden Stahlknüppel zusammen, bis er die gewünschte Dicke und Breite hat. Im Extremfall entstehen aus den ursprünglich 6,4 Meter langen Werkstücken Flachprofile mit einer Länge von 100 Metern. Gekühlt, bringt sie die Richtmaschine in Form, bevor sie in bestimmte Längen geschnitten werden. Vor der Lagerhalle warten bereits die Camions für den Abtransport.

180 Millionen Franken investiert

«Unsere Besitzerin, die italienische Stahlgruppe Beltrame, hat in den vergangenen drei Jahren rund 180 Millionen Franken in den Standort Gerlafingen investiert», sagt Stuber später in seinem Büro. Er meint eben die neue Walzstrasse mit Lager- und Speditionshallen. Zudem laufe die Planung für die vorgesehene neue Stranggiessanlage zur Herstellung von speziellen Knüppeln für die neuen Profilstähle auf Hochtouren.

Die Investitionssumme von 30 bis 40 Millionen Franken sollte von Beltrame noch dieses Jahr freigegeben werden. Die Umsetzung dieser Grossinvestitionen stärke den hiesigen Standort, auch wenn die zusätzlich geplante Erneuerung des Stahlwerkes vorerst sistiert sei. Sie zeigten, dass die italienische Besitzerfamilie an das Werk in Gerlafingen glaube.

Inzwischen läuft die Integration in die Stahlgruppe. Beltrame ist Marktführer im Bereich Stabstahl, Formstahl und Träger. Das Kerngeschäft von Gerlafingen war bisher der Bewehrungsstahl (Beton und Matten). Ziel der Investitionen sei es, in Gerlafingen im kleineren Bereich Industriestahl das bisherige Produkteprogramm Flach- und Breitflachstahl zu erweitern und mit Profilen und Trägern zu ergänzen.

Damit sei dann Gerlafingen voll in die Stahlgruppe integriert und es werde auch die Abhängigkeit der Stahl Gerlafingen AG von der Bauwirtschaft reduziert. Heute trage der Bereich Bewehrungsstahl 80 Prozent zum Absatz bei, Industriestahl lediglich 20 Prozent. Ziel sei ein Verhältnis von 55 zu 45 Prozent.

Guter Start ins 2011

«Aber auch wir stehen stetig unter Druck. Wir sind im internationalen Wettbewerb und im internen Vergleich mit den übrigen Beltrame-Werken in Europa gezwungen, die Abläufe weiter zu optimieren und die Produktivität zu erhöhen», hält Stuber fest. Dies insbesondere nach den zwei Krisenjahren 2009 und 2010. Zwar sei der Absatz von 706000 Tonnen im 2008 um «nur» 13 Prozent auf 618000 Tonnen gesunken.

Der Umsatz hingegen sei wegen der Erosion des Stahlpreises als Folge des Wirtschaftseinbruchs und des schwachen Euro um 45 Prozent auf noch 389 Millionen Franken eingebrochen. Hinzu seien Mehrkosten für Strom, Gas und Netznutzung in zweistelliger Millionenhöhe gekommen. Der Exportanteil liegt im Bewehrungsstahl bei 20 Prozent, beim Industriestahl bei 90 Prozent. Unter dem Strich resultierte deshalb 2009 ein hoher Betriebsverlust, der 2010 stark reduziert werden konnte.

Die Verbesserung der Ertragslage hat sich im laufenden Jahr für die Stahl Gerlafingen AG fortgesetzt. «Wir wollen ein positives Betriebsergebnis erzielen. Per Ende März 2011 befinden wir uns auf Kurs», freut sich Stuber. Auch sei in absehbarer Zeit keine Kurzarbeit mehr angesagt. Der Betrieb mit 580 Angestellten hat auch während der Krise keine Stellen abgebaut.

Konkurrenzfähige Strompreise

Nebst der ungewissen Entwicklung des Euro bereite nach wie vor der Energiepreis Bauchweh. Nach der Atom-Katastrophe in Japan seien Preissteigerungen - unabhängig der negativen Auswirkungen der Strommarktliberalisierung in der Schweiz - absehbar. «Für uns ist aber weniger die Höhe des Preises entscheidend. Wir müssen vielmehr wettbewerbsfähige Preise im Vergleich zu unseren Schwesterwerken in Europa erhalten.» Sein Fazit: «Wenn sich die Schweiz im Bereich der Energiepolitik von Europa abkoppelt, dann wird es schwierig.»