Ladensterben in Grenchen
Trauriger, aber willkommener Abschied vom Maxi-Markt

Der Maxi-Markt des Ehepaars Bärtschi schliesst am 2. Juni für immer seine Türen. Es war ein Kampf, dem sich die Bellacher Ingrid und Beat Bärtschi, welche seit 16 Jahren den Lebensmittelmarkt an der Alpenstrasse 80 in Grenchen führen, gerne gestellt hatten.

Patrick Furrer
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Verabschieden sich aus dem Berufsalltag: Ingrid und Beat Bärtschi vom Maxi-Markt Grenchen mit ihren Grosskindern Viviane (l.) und Carina.

Verabschieden sich aus dem Berufsalltag: Ingrid und Beat Bärtschi vom Maxi-Markt Grenchen mit ihren Grosskindern Viviane (l.) und Carina.

Patrick Furrer

Es ist nur ein Quartierladen, der in zehn Tagen zu geht. So falsch diese Aussage in den Ohren vieler Kundinnen und Kunden klingen muss, so treffend beschreibt sie, wie es um die Dorflädeli in Zeiten veränderten Konsumverhaltens bestellt ist. Es ist ein Kampf gegen Discounter und Grossisten. Ein Kampf, dem sich die Bellacher Ingrid und Beat Bärtschi, welche seit 16 Jahren den Lebensmittelmarkt an der Alpenstrasse 80 in Grenchen führen, gerne gestellt haben.

Ein Tagwerk, das die aufgestellten, geschäftigen Bald-Pensionäre nie aufgegeben haben. Betritt eine Kundin das Geschäft, wird sie mit Namen begrüsst. Kommen die Schülerinnen und Schüler aus dem Kastels nach dem Unterricht in den Laden, heisst es «Grüessech Frau Bärtschi, grüessech Herr Bärtschi», bevor man sich etwas Schleckzeug oder ein durstlöschendes Getränk aussucht. Vieles im Maxi-Markt – Äpfel, Eier, Fleisch, Erdbeeren, oder Brot – kommt aus der näheren Region. Es ist eben nicht «nur», sondern «ausgerechnet» ein Quartierladen, der verschwindet.

Von Bern bis Grenchen

43 Jahre lang waren Bärtschis selbstständig berufstätig, und stets arbeiteten die beiden nicht nur zusammen, sondern verbrachten auch die Ferien und den Feierabend gemeinsam. Dass das nicht immer ohne Reibereien ging, versteht sich von selbst. «Manchmal hatte man sich am Feierabend auch nicht mehr so viel zu erzählen, weil man ja schon den ganzen Tag geredet hat», sagt Beat Bärtschi. Und doch rauften sie sich immer wieder zusammen. Ein eingespieltes Team, beruflich und privat.

1966 lernten sich die gelernte Käseverkäuferin und der Käser in der damaligen Milchzentrale Grenchen bei Hans Loepfe kennen. Der Funke sprang rasch über, und schon kurze Zeit später kündigte sich Nachwuchs an – heute sind die zwei stolze Eltern dreier Kinder und fünffache Grosseltern. «Oma und Opa», wie sie Viviane und Carine – welche ab und zu im Laden sind, wo ihre Grosseltern zu ihnen schauen – nennen.

Bereits 1969 führten Ingrid und Beat Bärtschi ihr erstes Lebensmittelgeschäft an der Könizstrasse in Bern. Sehr erfolgreich lief es von 1971 bis 1984 an der Bahnhofstrasse in Bettlach. «Wir mussten aber immer viel Freizeit opfern», erklärt Ingrid Bärtschi. Viel Zeit für Hobbys blieb nicht, obwohl sie bis heute den Jodlerklub Recherswil leitet und ihr Mann Obmann bei den Pistolenschützen Bettlach ist. Ab 1984 dann hatte das Ehepaar im Grederhof in Bellach einen Laden. 1997 übernahmen Bärtschis in Grenchen die frühere Coop-Filiale, welche sie mit viel Eigenleistung renoviert haben.

Der Abschied fällt schwer

«Es ist einfacher, einen Laden zu eröffnen, als ihn aufzugeben», fasst Beat Bärtschi die Gefühlslage zusammen. Der Abschied von den vielen treuen Stammkunden schmerzt. Ingrid Bärtschi weint beinahe, als sie erklärt, wie schwer es ihr fällt, sich von allem zu lösen: Von den Menschen, zu welchem man eine Beziehung aufgebaut hat, von den täglichen Begegnungen und Gesprächen, von dem Arbeitsleben in Grenchen.

Und doch sei es ganz gäbig, dass sie «schon alt» sind und in die Pension gehen können, meint Beat Bärtschi. Die Umsätze waren rückläufig, gerade in den letzten paar Monaten sei das stark zu spüren gewesen. Auch der Zuzug von Aldi und Lidl ging nicht spurlos am Maxi-Markt vorbei. Ein Blick in die Geschäftsunterlagen zeigt – wohl exemplarisch für viele Quartierläden heute – wie der Geschäftsumsatz in zehn Jahren um mehr als die Hälfte sinken kann. «Das Quartier zieht nicht mehr genügend mit», sagt Beat Bärtschi. Oft wurde der Laden nur noch für Last-Minute-Einkäufe genutzt, oder für das Päckli Rahm, dass man beim Einkauf im Supermarkt vergessen hat.

«Laden hat noch Potenzial»

«Die Leute werden erst merken, was ihnen verloren gegangen ist, wenn es den Laden nicht mehr gibt», ist sich Ingrid Bärtschi sicher. Dabei seien nicht alle Leute so. Bei den Kunden und den Vereinen, welche dem Laden über die Jahre die Treue gehalten haben, bedanken sich die beiden mit Nachdruck. Überzeugt sind sie auch davon, dass der Laden immer noch Potenzial hat. Vielleicht, wenn einer der beiden Geschäftsführer noch ein zweites, sicheres Einkommen hätte, «könnte das sehr gut funktionieren», sagt Ingrid Bärtschi. Beide hoffen deshalb, doch noch einen Nachfolger zu finden, was allerdings nicht einfach sei.

Wie auch immer: Eindeutig geht am 2. Juni an der Alpenstrasse eine Ära zu Ende. Ihre 16 Jahre in Grenchen werden Bärtschis gemeinsam mit den Kunden und einem Abschiedsapéro abschliessen. Und auf «die Zeit danach» freuen sie sich schon sehr. Endlich wieder mehr Zeit für Ferien, für Hobbys, oder um gemeinsam einen Veloausflug zu unternehmen. Und mehr Zeit für die Familie. Darauf freuen sich auch die Grosskinder. Denn, so erklärt die kleine Viviane, «wenn Opa den Laden nicht mehr hat, hat er endlich wieder mehr Zeit für uns.»