Grenchen
Töffli-Restaurierung oder eine kurze Reise ins Weltall? – Abschlussarbeiten der Sek-B-Schüler sind kreativ

Grenchner Jugendliche luden zur Vernissage ihrer persönlichen Projektarbeiten im Haldenschulhaus. Man staunt über die Vielfalt ihrer Themen.

Andreas Toggweiler
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Stammbaum der Spielkonsolen mit Ayman Bulut
27 Bilder
Mobbing-Prävention mit Lucijana Markovic und Lara Cattin Destiny
Salontisch aus Europaletten
Noch ein Tisch, aber in Zweierserie
Nur kurze Zeit zur Verfügung, da zugezogen. Das Gestell ist zu verkaufen
Klassenbuch mit Elmira Ramadan und Marijona Isufi
Phongphack Srilophian und Mika Tschui schneiderten Hoodies
Rezeptsammlung
Köstliches aus ganz Europa
Leckere Süssigkeiten zum degustieren
Longboards zum herumflitzen
Mehmed Gazic und Alexander von Burg restaurierten ein Ciao Töffli
Auch ein Tandem wurde restauriert
Gepimptes BMX von Shukri Prushi
Lukas Hegelbach zeigte, wei ein Rasenmähermotor von innen aussieht
Die Schüler der drei Klassen vereint sangen ein Lied unter der Leitung von Angela von Streit
Kevin Sriwong und sein Mobile
Graffiti von Kevin Luginbühl
Alles über Fussball mit Riveesh Ponnampalam
Ardiana Hasani und Malaaak Khalil bauten ein Möbeli
Grenchner Projektarbeiten
Albiana Krasniqi und ihr Fussball-Goal
Ausstellung zum Computer
Arian Ismaili und Marc-André Kölliker bauten einen Computer zusammen
So sieht eine Doku aus
Ein grosses Projekt war dieser Esstisch samt eingebauten Plattenwärmer
Auch die Projektwoche in der Stadt wurde nochmals dokumentiert

Stammbaum der Spielkonsolen mit Ayman Bulut

Andreas Toggweiler

Was steckt eigentlich dahinter, wenn gewisse (Stammtisch-)Politiker behaupten, in der Schule werde heutzutage nicht mehr viel gelernt? Nicht viel: Sie würden staunen, wenn sie die Projektarbeiten sähen, welche Grenchner Sekundarschüler diese Woche im Haldenschulhaus ausgestellt haben. Was die Schülerinnen der Sek B (früher Oberschule genannt) an Ideen umgesetzt haben, verdient Respekt.

Natürlich haben die Lehrkräfte, insbesondere die Werklehrerinnen Schützenhilfe geleistet, doch die Ausstellung zeigte, dass auch Schulabsolventen mit Basisniveau bei entsprechender Förderung etwas erreichen können, auf das sie Stolz sind. «Wir sehen auch, wie sich Selbstbilder von Schülerinnen und Schülern mit teilweise schwierigem Hintergrund dabei verbessern. Das motiviert mich auch als Lehrkraft», sagt Klassenlehrer Franz Henzi, der die Mehrzahl seiner 16 Schützlinge direkt ins Berufsleben verabschieden kann. Von den 48 Schulabgängern der Sek B im Halden haben nur sechs noch keine Lehrstelle oder Anschlusslösung.

Umzug ins Zentrum

Die Projektpräsentation der Sekundarschüler am Mittwoch im Haldenschulhaus war eine Derniere. Denn ab nächstem Schuljahr ist die ganze Sek im Zentrum konzentriert. Nach einer Begrüssung von Schulleiterin Christina Borer zeigten die Schülerinnen und Schüler, was sie in diesem Schuljahr selbstständig erarbeitet haben. Die Projektarbeit ist sozusagen das Gesellenstück ihrer Volksschulkarriere.

Diese beginnt mit dem (Vor-)Kindergarten, in welchem die Kinder heute viel mehr lernen (müssen) als früher. Nicht zuletzt, weil der Stand der Kulturfertigkeiten der Kleinsten sehr unterschiedlich ist, gerade in Grenchen mit vielen Kindern, deren Eltern nicht Deutsch als Muttersprache haben, wie Lucia Herzog, scheidende Schulleiterin im Schulhaus Kastels, erklärt.

Ziel ist, dass alle Kinder in der ersten Klasse mit dem Kennenlernen von Zahlen und Buchstaben beginnen können. Mit den Zahlen geht es denn auch am einfachsten, den Schulfortschritt in der Primarschule zu erklären: «In der ersten Klasse rechnet man bis 20, in der 2. bis 100, in der 3. bis 1000 und in der 4. bis 1 Million», erklärt Herzog und lacht. In der 3. Klasse beginnt man mit den schriftlichen Operationen und in der 5. mit dem Bruchrechnen.

«Bei der Sprache wird es schon komplizierter». Herzog spricht von einer kontinuierlichen Steigerung beim Verstehen und im Sich-Ausdrücken. Schon bald werden erste Aufsätzli geschrieben, in der 2. Klasse schon der erste Vortrag gehalten. In der dritten Klasse gehts dann los mit Französisch, zwei Jahre später mit Englisch.

Computer ab 3. Schuljahr

Beim Sachunterricht in der Primarschule haben die Lehrkräfte einigen Gestaltungsspielraum. Pflicht sind Schweizer Geografie, Geschichte, naturwissenschaftliche Phänomene wie z.B. die Metamorpose des Schmetterlings, vom Ei zum Huhn usw. Schon ab drittem Schuljahr wird der Computer einbezogen, wobei die Computerpraxis zum Teil schon in diesem Alter vorhanden sei, wie Herzog erklärt. «Die Schule sorgt dann mehr für den angemessenen Umgang mit dem Medium Internet und weist auf die Gefahren hin.»

In der Sekundarschulstufe wird der Lehrplan komplizierter: «Es sind Lerninhalte für 14 Fächer über drei Jahre definiert. Wo soll ich anfangen?», erklärt Rolf Glaus, Leiter der Grenchner Sek, mit Augenzwinkern auf die Frage, was die Schüler in der Sekundarschule lernen.

Im Zentrum steht die Vorbereitung auf die Berufswahl und die Arbeitstechnik «Über die eigene Lebenssituation in der Mitwelt nachdenken. Sich dazu äussern können. Vorstellungen und Erfahrungen anderer Menschen kennen lernen», heisst es denn auch in den Ergänzungen zum geltenden Lehrplan des Kantons aus dem Jahr 1992.

Glaus gibt einige konkretere Anhaltspunkte. Die Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch werden vertieft, ebenso Mathematik, Naturlehre, technisches Gestalten, Informatik etc. Erst im 9. Schuljahr erscheint «selbstgesteuertes Arbeiten» mit drei Wochenstunden. Hier werden die Projektarbeiten erstellt. Zudem können sich die Sek-B-Schüler im 9. Schuljahr je nach Berufswunsch gemäss zwei Profilen ausrichten: Dienstleistung und Soziales oder Technik/Handwerk.

Zu wenig Bewegung?

Und dann gibt es in der Schule noch Turnen, die Hauswirtschaft, die musischen und gestalterischen Fächer wie Werken. Sie werden immer wieder Gegenstand von Spardiskussionen. «Ich stelle fest, dass Jugendliche immer öfter Probleme haben mit einfachen Verrichtungen wie dem Einpacken eines Geschenkes», meint Schulleiterin Luzia Herzog dazu. Die Ursache der motorischen Defizite vermutet sie nicht zuletzt in der mangelnden Bewegung der Kids in ihrer Freizeit. Die Werklektionen seien in zunehmend auf Kopfarbeit getrimmten Gesellschaft deshalb nötiger denn je, betont sie.

Von der Töffli-Restaurierung bis zum Mobbing

Im Rahmen des selbstgesteuerten Lernens erstellen Schülerinnen und Schüler im letzten obligatorischen Schuljahr eine «persönliche Projektarbeit». Am Mittwoch stellten die Schüler der drei Sek-B-Abschlussklassen im Haldenschulhaus (Lehrer Christoph Nyffeler, Franz Henzi und Ueli Zumstein) ihre Resultate vor, an denen sie im vergangenen Schuljahr selbstständig gearbeitet hatten.

Dabei können die Schüler ihre persönlichen Interessen einfliessen lassen, müssen aber ihr Vorgehen genau planen und in einem mehrseitigen Bericht dokumentieren. «Ihr habt in dieser Zeit viele wichtige Erfahrungen gesammelt, habt Erfolgserlebnisse gehabt, musstet aber auch Schwierigkeiten überwinden», sagte Schulleiterin Christina Borer an der Vernissage der Abschlussarbeiten.

Die Erleichterung über das Ende der Schulzeit, aber auch das Bewusstsein, dass es nach den Ferien mit der Lehre weitergeht, war auch im Lied (zu einer Melodie der Pet Shop Boys) zu spüren, das die Schülerinnen und Schüler unter der Leitung von Angela von Streit vortrugen.

Grosse Integrationsleistung

Viele Jugendliche in der Sek B haben ausländische Namen. Es wird sichtbar, dass die Grenchner Schule die «Integrations-Instanz» par excellence darstellt und diese Aufgabe gut meistert. So, wenn die Jugendlichen zusammen mit ihrer Projektarbeit an ihrer Stellwand auch gleich voller Stolz ihren Lehrvertrag präsentieren konnten.

Die Jugendlichen der drei Klassen haben sich mit ganz unterschiedlichen Themen- bzw. Werkprojekten befasst. Vor der Aula stösst man auf restaurierte Töffli und Velos. Vom Beschaffen der Ersatzteile übers Lackieren und wieder zusammenbauen wurde jeder Arbeitsschritt schriftlich und fotografisch dokumentiert und natürlich überzeugt das fahrbare Resultat am Schluss.

Andere haben sich die Komponenten für einen Computer besorgt und zu einer leistungsfähigen Maschine zusammengebaut. Zwei Mädchen haben sich mit dem Weltall befasst und präsentieren ihre Erkenntnisse, während ihre Kollegin ein Kostüm einer englischen Bediensteten (Maid) aus viktorianischer Zeit rekonstruierte. Geschlechterklischees werden durchbrochen: zwei junge Männer haben trendige Hoodies geschneidert, zwei Mädchen ein Möbelstück gezimmert.

Breites Spektrum

Einige selbst gebaute Möbel sind dabei zu bewundern, ein künstlerisches Mobile, ein Fussballgoal für den Hausgarten (notabene von einem Mädchen gebaut), ein aufgeschnittenes, bewegliches Funktionsmodell eines Rasenmähermotors. Andere haben sich mit dem Thema Fussball beschäftigt, ein Klassenbuch verfasst, den «Stammbaum» aller elektronischen Video-Games geschrieben, Graffiti angefertigt oder ein Longboard aus verleimtem Holz gebaut.

Etliche junge Frauen sammelten Rezepte aus ihrer elterlichen Heimat und servierten Kostproben. Eine Projektarbeit widmete sich dem Thema Mobbing in der Schule. Dazu wurde eine Befragung in den Schulklassen durchgeführt und es resultierte ein Flyer mit Tipps für Betroffene und Eltern. Schüler luden schliesslich die Besucher zu einem Apéro in die Gym-Halle ein, den sie mit Hauswirtschaftslehrerin Gaby Keller vorbereitet hatten.