Nicht alle Ärzte sind begeistert über den Wechsel des Systems. Wie diese Zeitung erfahren hat, gingen bei der Leitung der Alterszentren sogar Schreiben ein, in denen Ärzte bekanntgaben, ab Systemwechsel ihre Patienten nicht mehr betreuen zu wollen, und man möge doch so gut sein, ihnen mitzuteilen, welcher Arzt das in Zukunft tun werde. Dies sehr zum Erstaunen der Heimleitung, die nichts damit zu tun hat, welchen Arzt die Bewohner konsultieren oder als Hausarzt wählen.

Auch nicht sonderlich erfreut ist der Grenchner Hausarzt Thomas Fluri, der das Ganze als unsinnig empfindet: «Eigentlich ist der politische Wille da, die Grundversorgung durch Hausärzte zu stärken, aber man erreicht mit einem solchen Systemwechsel das Gegenteil.» Statt einer Vereinfachung der Abläufe würde es nur komplizierter und für die Patienten gefährlicher. Denn:«Kurzfristige Änderungen der Medikation sind schwierig, wenn die Medikamente auf eine Woche hinaus vorbestellt werden müssen und für diese Zeit schon abgepackt sind.» Ausserdem nehme der ganze Papierkram für die Hausärzte zu. Der wirtschaftliche Aspekt sei für ihn nicht entscheidend, aber man müsse nicht meinen, dass solche Medikamentenverpackungsfirmen ihre Tätigkeit auf einem altruistischen Gedanken begründeten. «Es spielt ganz einfach ein Player mehr mit, der auch etwas verdienen will und niemand soll sagen, das Ganze werde so billiger.»

«Eine unschöne und unglückliche Geschichte», sagt der Grenchner Hausarzt Raphael Tièche. Man sei vor vollendete Tatsachen gestellt worden, ohne dass man vonseiten der Alterszentren das Gespräch mit den Ärzten oder deren gewähltem Vertreter gesucht habe. Das System sei fehleranfällig, denn nun gebe es drei unterschiedliche Medikamentenlisten – die des Arztes, die der Alterszentren in ihrem elektronischen Dossier und die des Apothekers, der bei «Medifilm» die Bestellungen mache. «Bisher habe ich als Arzt die Bestellungen jeweils kontrollieren können und habe ab und zu auch Fehler gefunden. Diese Möglichkeit habe ich nun nicht mehr.» Auch wirtschaftlich sei die Einbusse für die Hausärzte beträchtlich, da ihnen der Kanton einen tieferen Taxpunktwert zumesse, als das in anderen Kantonen der Fall sei. Dies mit der Begründung, dass sie im Kanton Solothurn selber Medikamente abgeben und dadurch auch einen Gewinn erzielen können. Im Kanton Bern beispielsweise sei dies nicht erlaubt, der Taxpunktwert liege aber rund 10% über dem im Kanton Solothurn. «Diese Einnahmen aus der Medikamentenabgabe fallen weg, aber der Taxpunktwert bleibt gleich tief.» Tièche ist auch davon überzeugt , dass die Krankenkassenprämien ansteigen werden: «Auf die portionenweise abgepackten Medikamente wird eine Taxe draufgeschlagen, was sie verteuert.» Und er glaubt auch nicht, dass weniger Medikamente weggeworfen oder vernichtet werden müssen.

Maximilian Thau, Verbindungsarzt der Grenchner Hausärzte zu den Altersheimen, sagt, der Wechsel werde wahrscheinlich auch ein Sinken der Ausbildungsqualität des Fachpersonals in den Heimen zur Folge haben, da sich diese nicht mehr um die Medikation kümmern müssten und die Medikamente nicht mehr kennenlernen. Unsicher sei auch, was mit den in dringenden Fällen notwendigen «Reserven» an Schmerzmitteln oder Ähnlichem geschehen solle. Für ihn sei stossend, dass sich die Alterszentren aus der Verantwortung stehlen wollen, wenn der Patient keine Medikamenten Abgabe von der Apotheke wünscht. «Die Leute sollten wählen können, welches System sie haben möchten. Und meiner Meinung nach ist das Heim auch dann verantwortlich, wenn die Patienten die «Entbindungserklärung» unterschrieben haben.» Was er aber am meisten bedauert, ist die unglückliche Kommunikation: «Wir werden einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Und diesen Streit auf dem Buckel unserer Patienten auszutragen liegt nicht im Sinn der Grenchner Ärzte.