Konkurs
Strafuntersuchung gegen Grenchner Geschäftsmann

Die Grenchner Grosshandelsfirma Lifestyle Visions Factory gerät in den Fokus der Staatsanwaltschaft. Diese hat gegen den Geschäftsführer und einen Partner Strafuntersuchungen wegen Betrugs, Misswirtschaft und betrügerischem Konkurs eröffnet.

Patrick Furrer
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Ort des Geschehens

Ort des Geschehens

Solothurner Zeitung

Kein Jahr hielt sich die Grosshandelsfirma Lifestyle Visions Factory in Grenchen. Doch seit zwei Monaten sind die Büroräume und der Showroom an der Centralstrasse verwaist. Hinterlassen hat der Geschäftsführer gegen 200 Kunden, die ihre bestellte Ware trotz Vorauskasse nie erhalten haben. Wellnesspools aus China, Holzspaltmaschinen, Saunas, Gartenzubehör und Spielzeug verkaufte die Firma über das Internet in der ganzen Schweiz. Entstanden ist ein Schaden für die Gläubiger von mindestens 700000 Franken. Im Oktober meldete die Lifestyle Visions Factory dann plötzlich Konkurs an. Zu allem Übel sollen Geschäftsführer und Mitarbeiter alle Mitglieder einer angeblichen Sekte sein (siehe Kasten).

Bekannte des Angeklagten: «Er wollte das bestimmt nicht»

Das sorgt in Grenchen für zusätzliche Unsicherheit: Der Geschäftsführer und seine Partner sollen nicht nur schlecht gewirtschaftet haben, sondern auch allesamt derselben Glaubensbewegung angehören. Sektengerüchte machen die Runde. Nicht zuletzt deshalb, weil offenbar ansehnliche Beträge der Firma ins Ausland – genauer in die USA – überwiesen worden sind. Sämtliche (inzwischen gelöschten) Internetseiten der Lifestyle Visions Factory sind auf einen Mann namens Les D. Crause registriert, Gründer und Chefprophet der Gemeinschaft Apostolic Movement International (AMI) mit Hauptsitz in den USA. Zu Deutsch: Internationale apostolische Bewegung. Der Gründer ist eigenen Angaben zufolge mit 20 Jahren dem Heiligen Geist begegnet. Ein Gemeinschaftsmitglied sagt, bei AMI handle es sich um keine Kirche, sondern um eine Schule, in der Gläubige «das nötige Werkzeug» für ihre Arbeit erhalten. Deshalb bietet AMI auch Kurse für angehende Propheten an. Ihre Anhänger glauben an die Bibel und daran, dass jeder sich bewusst sein muss, dass sein Vermögen eigentlich Gott allein gehört. Ein anderes Mitglied beschreibt AMI gegenüber dieser Zeitung als «Organisation mit missionarischem Charakter».

Freunde des Geschäftsführers erklären zwar, dass die Organisation direkt nichts mit dem Handelsgeschäft zu tun habe. Sicher ist nur so viel: Sowohl die Mitarbeiter der Lifestyle Visions Factory wie auch ihr direkter Lieferant sind Gläubige und Mitglieder der AMI. Eine gute Bekannte des Geschäftsführers – ebenfalls Mitglied der Bewegung – nimmt ihn erwartungsgemäss aus dem Schussfeld. «Er war nur ein Angestellter, obwohl er offiziell als Geschäftsführer figurierte», erklärt die Seeländerin. Im Hintergrund habe ein anderer die Fäden gezogen. Und dessen Geschäftsgebaren sei von den Chefs bei AMI und Gründer Crause gar nicht gerne gesehen worden. Inzwischen versuchen sich ausserdem auch weitere AMI-Mitglieder als «christliche Unternehmer».

«Er ist am Boden zerstört», sagt die Seeländerin über den Geschäftsführer. «Er wollte das bestimmt nicht, aber er war einfach ein viel zu Lieber und hat sich nicht gewehrt, als er die Probleme kommen sah.» Jetzt hänge er eben mit und müsse seinen Kopf für einen anderen hinhalten. Klar ist: Die Lifestyle Visions Factory ist gemäss Handelsregistereintrag eine Zweigniederlassung der Firma, die in Birmingham ihren Hauptsitz hat. Deren Chef befindet sich laut einem früheren Arbeitskollegen in den USA. (fup)

Die Kioskfrau von nebenan weiss: «Es haben sich viele hässige Kunden nach der Firma erkundigt, weil sie beschissen wurden. Sie haben Ware bestellt, aber nie bekommen.» Bei der Lifestyle Visions Factory arbeiteten nebst dem Chef seine Freundin und eine Bekannte. Sie wohnten offenbar alle in der Stadt. Regelmässig seien sie mit einem schwarzen VW Golf vorgefahren, aber vor ein paar Wochen habe man plötzlich niemanden mehr gesehen, sagt auch Othmar Brudermann vom Werkzeugladen vis-à-vis. Er habe nur noch mitbekommen, wie nach der Konkurseröffnung am 22. Oktober die Räumungsfirma vorbeikam.

Strafuntersuchung eingeleitet

Inzwischen hat sich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Sie ermittelt gegen den Geschäftsführer und einen seiner Kollegen wegen Betrugs, ungetreuer Geschäftsbesorgung, Misswirtschaft, Pfändungsbetrugs und betrügerischem Konkurs. «Im Zentrum der Strafuntersuchung steht die Geschäftspraxis der inzwischen in Konkurs gegangenen Firma», bestätigt Sabine Husi, stellvertretende Oberstaatsanwältin. 70 Whirlpools und 100 Holzspaltmaschinen sind laut dem Konkursamt nicht geliefert worden. Zudem blieb der Geschäftsführer den Mietzins für die Büro- und Ausstellungsräume schuldig, wie die Immobilienverwaltung auf Anfrage bestätigte.

Fünf Betreibungen sind aktuell hängig, eine davon ist bereits beglichen. Sicher scheint: Die Artikel wurden primär über das Internet bestellt. Die Ware kam zum Teil aus Übersee, und wer kaufte, musste per Vorauskasse bezahlen. Anfangs hatte die Firma die Ware noch sachgemäss ausgeliefert. «Über 160 Whirlpools sind verkauft worden», sagt Konkursverwalter Adrian Kamber. Auch sei der Betreibungsauszug bis zum aktuellen Fall «sauber» gewesen. Im Konkursverfahren wurden jedoch bis heute rund 200 Eingaben
gemacht.

Konkursverfahren gefährdet

Die Frage, ob es sich um einen betrügerischen Konkurs handelt und der Geschäftsführer die Kunden absichtlich auflaufen liess, will Kamber nicht beantworten. Persönlich glaube er aber, dass man gemerkt haben müsste, dass es Probleme gibt. Seine allgemeine Bemerkung dazu: «Natürlich kann man sich hinter einem Konkurs verstecken. Das ist in diesem Fall aber nicht bewiesen.»

Und was ist mit den geprellten Kunden? Gemäss Konkursverwalter Adrian Kamber stehen die Chancen schlecht. Da das Geld fehlt, werde das Konkursverfahren wohl mangels Aktiven eingestellt werden. Dann würden die Gläubiger höchstens noch auf dem Zivilweg Forderungen stellen können. Geschäftsführer und Mitarbeiter der Lifestyle Visions Factory waren trotz mehreren Anrufversuchen und hinterlegten Combox-Nachrichten für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Ein Bekannter des Geschäftsführers und dessen Freundin, der selber früher im Poolbusiness aktiv war, weiss allerdings: «Die beiden sind in den Ferien.» Und vor Februar erwarte er sie ganz bestimmt nicht zurück.

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