Religion
Stefan Fleischer will die Leute mit seinen religiösen Aphorismen zum Nachdenken anregen

Stefan Fleischer teilt sich oft und gerne zu religiösen Fragen mit. Dabei versucht der Grenchner Pensionär und Autor immer, die Position des anderen zu verstehen. Denn aus Erfahrung weiss er, dass sich seine eigenen Positionen im Lauf des Lebens verändert haben.

Daniela Deck
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Stefan Fleischer mit seinen Büchern in seiner Alterswohnung am Girardplatz.

Stefan Fleischer mit seinen Büchern in seiner Alterswohnung am Girardplatz.

Oliver Menge

«Viele schreien nach Dialog / und meinen damit eine Plattform / für ihre Monologe.» Oder: «Man braucht Gott nicht zu suchen / man muss ihn nur wahrnehmen / das heisst für wahr nehmen.» Stefan Fleischer drückt seine Gedanken gern in solchen Aphorismen aus, zum Beispiel auf Twitter. Zudem hat er mehrere Bücher geschrieben. Der pensionierte Bankprokurist macht sich täglich Gedanken über Gott und die Welt – den Schwerpunkt legt er dabei auf die Beziehung zu Gott. Der praktizierende Katholik meldet sich bei Themen, welche die Kirche betreffen, auch immer wieder mit Leserbriefen zu Wort.

Konservativ – und humorvoll

«Ich bin konservativ, manchen zu konservativ, anderen nicht konservativ genug.» Das stellt Stefan Fleischer als Rahmen zum Gesprächstermin klar, mit leiser und fester Stimme. Worauf er nicht hinweist und was sich in den ersten Minuten der Begegnung zeigt, sind sein Humor und seine Fröhlichkeit. «Ich hatte Glück im Leben», sagt der 80-jährige gebürtige Ostschweizer. Dabei hat er in den sechseinhalb Jahren, seit er aus Biel nach Grenchen in eine Alterswohnung gezügelt ist, schwierige Zeiten durchlebt. Seine Frau, sein «Schatz», wie er sie durchwegs liebevoll nennt, ist nach mehrjährigem Heimaufenthalt vor gut zwei Jahren an Alzheimer gestorben. Ihm geht es gesundheitlich recht gut, was er aktuell gerade dazu nutzt, Adresslisten und weitere nützliche Unterlagen für seine eigene Beerdigung zusammenzustellen: «Niemand weiss, wann er abberufen wird».

Rüffel lancierte Karriere

In einer kirchlich aktiven Familie in Kreuzlingen aufgewachsen, besuchte Stefan Fleischer ein Internat für angehende Priesteramtskandidaten in Fribourg. Priester ist er nicht geworden, sondern vierfacher Familienvater. Auch die Matura hat er nicht gemacht. Obwohl er mehrere Anläufe unternommen hat, den Schulabschluss zu erreichen. «Ich lerne ‹ring›, aber ich kann nicht büffeln», erklärt er dazu. Nach einer Lehre im technischen Bereich arbeitete er auf einer Bank am Schalter. Doch seine Karriere sei erst richtig in Schwung gekommen, als er nach einem Missverständnis mit einer Kundin über ihr angeblich überzogenes Konto und dem daraus resultierenden Rüffel von Arbeitgeberseite ins Backoffice versetzt wurde. Hier war er schliesslich in leitender Position für die Zusammenführungen von Bankensoftware nach Fusionen tätig.

«Ich war zu nervös für den Schalter. Wäre ich dort geblieben, hätte ich mich beruflich nicht entwickeln können, auch aufgrund der fehlenden Diplome», blickt er mit Dankbarkeit auf die schwierige Situation zurück. Mit seiner jungen Familie war er in den Siebzigerjahren nach Biel umgezogen, um die Zweisprachigkeit zu pflegen, als das Französisch bei ihm einzurosten drohte. Dass Stefan Fleischer als Prokurist in Bern schon 60-jährig in den Ruhestand treten konnte, sei ebenfalls ein Glücksfall gewesen. Das gab ihm den Freiraum, seine Freude an Sprachen und am christlichen Glauben römisch-katholischer Prägung literarisch weiterzuentwickeln.

Zum Nachdenken anregen

Die Beziehung zu Gott zieht sich wie ein roter Faden durch Stefan Fleischers Leben. Seine Kinder haben diesbezüglich unterschiedliche Wege gewählt. Von Nichtglauben bis zum Klostereintritt in eine Benediktinerinnengemeinschaft gehe die Bandbreite.
Zum Schreiben seiner Aphorismen und Texte arbeitet Stefan Fleischer mit einer Bibel, die ihm vier Übersetzungen auf einmal bietet. Er schreibt, woran er glaubt. Sein erstes Buch erschien 2006 in einem konventionellen Verlag. Seit dieser vor sieben Jahren schliessen musste, lässt er seine Bücher bei «Books on Demand» drucken. Wenn er mit seinen Texten aneckt, so stellt er sich der Spannung, die daraus resultiert. Doch provozieren will er nicht. Lieber die Leute zum Nachdenken anregen. «Man kann in der Religion blind werden», ist er sich bewusst «und man kann sie missbrauchen. Ich versuche immer, die Position des anderen zu verstehen. Denn aus Erfahrung weiss ich, dass sich meine eigenen Positionen im Lauf des Lebens verändert haben.» Stefan Fleischer ist sich auch bewusst, wie problematisch es sein kann, aus Frust oder Entrüstung heraus in die Tasten zu greifen. Gerade wenn ihn etwas ärgert, müsse er sich zwingen, gut nachzudenken, ehe er auf den Knopf «senden» klickt.

Klare Linie ausformulieren

Wie hält der überzeugte Katholik es mit der Ökumene? «Die Ökumene ist sehr wichtig und sollte überall zum Tragen kommen, wo es möglich ist. Im sozialen Bereich beispielsweise sollten die Kirchen enger zusammenarbeiten. Doch die Zusammenarbeit darf nicht dazu führen, dass Glaubens- und Lehrunterschiede unter den Teppich gewischt werden.»
Auch die Lehre in der eigenen Pfarrei beobachtet Stefan Fleischer mit wachem Blick. So habe er vor Jahren sein Amt als Lektor und Kommunionhelfer in einer Bieler Pfarrei aufgegeben, nachdem dort von der Kanzel zu hören war, gläubige Christen müssten den Militärdienst verweigern. «So wird die Kirche instrumentalisiert.» Für Fleischer ist das ebenso inakzeptabel, wie Tendenzen Armut zu glorifizieren und Reichtum scheel anzusehen: «Bei beidem kommt es darauf an, was der einzelne Mensch daraus macht.»

«Politik war nicht mein Weg»

In jungen Jahren hat Stefan Fleischer sich einige Jahre bei einer politischen Partei auf lokaler Ebene engagiert. Heute könnte er sich das nicht mehr vorstellen. «Aus dem Fundament der Gottesbeziehung heraus bekommen Leute, die ein Flair dafür haben das Rüstzeug, um politisch tätig zu sein. Aber das war nicht mein Weg. Ich formuliere mich gern aus in meinen Texten. In erster Linie dient das mir selbst. Wenn es zudem anderen hilft, ist es umso besser.»

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