Es ist fünf vor zwölf. Und Conrad Stampfli weiss das. Viel Zeit bleibt dem Solothurner Wirtschaftsanwalt nicht mehr, um die Wende in der öffentlichen Meinung herbeizuführen. Schon in wenigen Wochen entscheidet der Regierungsrat, ob das Projekt Pistenverlängerung Grenchen weiterverfolgt oder gänzlich abgebrochen wird. Stampfli ist derzeit einer der Troubleshooter des Flughafens. Er soll der Öffentlichkeit zeigen, dass das Projekt der regionalen Wirtschaft etwas bringt. Das war bisher die Achillesferse. Sogar Kantonsvertreter rügten den Flughafen öffentlich, er habe die wirtschaftliche Bedeutung nicht nachgewiesen.

«Ich gelte als Mann, den man in Problemsituationen beiziehen kann», sagt Conrad Stampfli selbstbewusst. Der
61-Jährige sitzt am grossen Tisch im Sitzungszimmer des vornehmen Solothurner Patriziersitzes «Müllerhof», in dem seine Kanzlei eingemietet ist. Hier dringt keine Hitze durch das historische Gemäuer. Von Hektik und Nervosität ist bei Stampfli trotz knapper Zeit nichts zu spüren. Er, ganz der Kommunikationsprofi, lässt gar keine Diskussion um Versäumnisse aufkommen. Kurz und knapp gesteht er ein: «Der Flughafen ist sich erst sehr, sehr spät bewusst geworden, dass der Regierungsrat und die Öffentlichkeit auf die Statements von Einzelpersonen warten und nicht nur die Meinung von Verbänden hören möchten.» Flughafen-Verwaltungsrat Stampfli weiss: Es wird am Ende eine Interessenabwägung zwischen dem Erhalt der Schutzzone Witi und den wirtschaftlichen Interessen geben.

Beinahe täglich postet er jetzt Statements für die Pistenverlängerung auf der eigens eingerichteten Homepage «IG Wirtschaftsraum Kanton Solothurn». Nun finden sich die Gesichter, die zuvor fehlten: Fraisa-Patron Josef Maushart und Etampa-Inhaber Hans Rudolf Haefeli stehen nun ebenso öffentlich hinter das Projekt wie Theodore Schneider. Der Generaldirektor der sonst so verschwiegenen Uhrenfirma Breitling betont ausdrücklich, «dass die Anpassung auch dazu beitragen würde, die künftigen Aktivitäten von Breitling vom Hauptsitz Grenchen aus weiterzuentwickeln». Doch halt, stehen da nicht auch die Namen von Swatch-Boss Nick Hayek oder CSL-Behring-Chef Uwe E. Jocham, die kürzlich noch gesagt haben, ihre Unternehmen bräuchten den Flughafen nicht direkt? Offenbar ist es den Verantwortlichen gelungen, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Der Jet, der unter den Hammer kam

Conrad Stampfli ist vieles: Waffensammler, Generalstabsoberst, international tätig, reitsportbegeistert, Multi-Verwaltungsrat. Der klassische Baukasten, aus dem (früher) wirtschaftsfreisinnige Karrieren gemacht waren. Nur eines ist er entgegen aller Erwartungen nicht: Pilot. «Ich fliege nur als Passagier», sagt er. Allerdings war er lange Jahre Verwaltungsratspräsident der Firma Farner, die auf dem Grenchner Flugplatz tätig ist – geholt wurde er als Sanierer.

Doch war da nicht noch etwas mit Conrad Stampfli und den Flugzeugen? Genau. Der Blick ins Archiv verrät: 2011 sorgte der Stadtsolothurner für Schlagzeilen, als beim Solothurner Konkursamt ein Businessjet unter den Hammer kam: Anwalt Stampfli hatte den Jet für einen Klienten in der Schweiz zugelassen. Dieser wollte nun Steuern in Millionenhöhe nicht mehr bezahlen. «Der Jet fliegt jetzt wieder», sagt Stampfli lächelnd. Mit bedächtiger, tiefer Stimme zählt er auf: 2000 Destinationen lassen sich von Grenchen aus anfliegen, ohne grosse Sicherheitschecks. Man könne hier den einzigen Businessairport zwischen Zürich und Genf schaffen, der weder Linienflüge noch Militärbetrieb habe.

International verwickelt

Das Internet verrät: Stampfli reiste auch schon für eine Ölhandelsfirma in den Süd-Sudan oder hatte bei einem millionenschweren Immobiliendeal im Oman seine Finger im Spiel. Er ist international tätig. Und er sagt: Internationale Verflechtungen würden für Schweizer Unternehmen immer wichtiger. «Auch KMU brauchen zunehmend eine Destination in Europa. Es geht nicht um Outsourcing von Stellen, sondern um die Internationalisierung der Wirtschaft.»

Beispiele gefällig? Erst 14 Tage sei es her, da habe ein deutsches Unternehmen eine neue Montagestrasse bei einem Logistikbetrieb im Gäu montieren müssen. Die Firma schickte die acht Monteure über den Flughafen Grenchen in die Schweiz. «Es hat sich für das Unternehmen offenbar gelohnt», sagt Stampfli. Zunehmend würden auch KMU Flieger für einen Tag mieten. «Spezialisten können dann am gleichen Tag hin und zurückfliegen. Das Unternehmen zahlt dann nur eine Tagespauschale und keine Übernachtungen.» Er betont: Die längere Piste sei wegen der Sicherheitsbestimmungen nötig, vielleicht auch bald für private Flieger.

Aber jetzt ganz konkret Herr Stampfli, was bringt die Pistenverlängerung wirtschaftlich der Region? Gegenfrage von Stampfli: Wie kann man den volkswirtschaftlichen Nutzen messen? 25 Mio. Franken Wertschöpfung bringe der Flughafen selbst, sagt Stampfli. Das sei messbar. «Aber darum geht es nicht.» Das sei, als ob man bei der wirtschaftlichen Bedeutung des Bahnhofs den Umsatz des Kiosks betrachten würde. Stampfli geht es um den Beschleunigungseffekt. «Durch die direkte Anbindung an das Flugnetz entstehen für die Unternehmen Vorteile. Aber das sind Werte, die Sie überhaupt nicht messen können.»

Bitte kein «Ja, aber ...»

Auf dem Flur im kühlen Patrizierschlösschen kommt zufällig Pirmin Bischof entgegen. Der Solothurner CVP-Ständerat ist Stampflis langjähriger Kanzleipartner. Bei der Partei sind sie sich aber nicht einig. «Ich bin stockfreisinnig», sagt der Enkel des Solothurner FDP-Bundesrates Walther Stampfli lachend.

Und, mit welchem Ausgang rechnet der Flughafenverwaltungsrat, wenn die Regierung im September entscheidet? Er hoffe auf ein Ja. «Aber wir stellen uns sowohl auf einen positiven als auch negativen Entscheid ein.» Das Schlimmste wäre ein «Ja, aber ...». Dann müsste der Flughafen weiterplanen und Kosten tragen – ohne zu wissen, wie es weitergeht.