Zum Kulturerbejahr 2018 hat der Schweizer Heimatschutz eine ganze Palette an Veranstaltungen aus der Taufe gehoben. Diese sollen sensibilisieren für das vorhandene Kulturerbe, das zudem manchmal auf den ersten Blick gar nicht als solches wahrgenommen wird. Ein Spaziergang durch das Zentrum von Grenchen zeigte auf, wie sich ab den 1950er Jahren das Stadtbild des historischen Kerns von Grenchen verändert hat.

Die Leiterin des Kultur-Historischen Museums Grenchen, Angela Kummer (Historikerin), Michael Hanak (Kunsthistoriker), Autor des Buches «Baukultur im Kanton Solothurn 1940-1980», und Fabian Ochsenbein, Stadtplaner von Grenchen, erläuterten die architektonischen, gesellschaftlichen und städtebaulichen Entwicklungen.

Das Timing für solch eine Veranstaltung hätte besser kaum sein können, sind es doch genau 10 Jahre her, dass die Stadt– für viele überraschend – mit dem Wakker-Preis ausgezeichnet wurde, gerade eben für ihren sorgsamen Umgang mit Bauten aus der Nachkriegszeit. Es war eine Ära des Umbruchs, Grenchen erlebte in diverser Hinsicht einen Boom. Vieles schien möglich. Dies hat sich gerade auch im Bauwesen manifestiert.

Staunen über die vielen Kleinode

Eine erfreulich grosse Anzahl Interessierter liessen sich die Möglichkeit nicht entgehen, Details zu erfahren, bereits bestehendes Wissen aufzufrischen, oder gar erstmals in die Materie einzutauchen. Die beiden Referenten und die Referentin verstanden es bestens, das nicht ganz einfache Thema anschaulich und greifbar darzustellen. Manch einer und manch eine wird gestaunt haben, über welche Kleinode die Stadt schon allein am und um den Marktplatz verfügt. Die ehemalige Innovation, die heutige Regionalbank, die «neue alte Post», sowie verschiedene Bauten auf dem Marktplatz, wie das Sorag-Hochhaus, der Luterbacherhof, das Nivadahaus, der Schmiedhof oder das einstige Migrosgebäude beim Passage dienten als Objekte der unterhaltsamen Ausführungen.

Michael Hanak gelang es dabei, die Schar der interessierten Spaziergänger für die Feinheiten der Epoche zu sensibilisieren. Für einen Baustil, der durch neue Materialen begünstig, ganz neue Elemente einbrachte. Für das sogenannte Flugdach, welches unübersehbar über den Baukörper herausragt, für die reliefartigen rastermässig angelegten Fensterfassaden, die aufgesetzten und zurückgestuften Fenster sowie für das oftmals mit Pfeilern gestützte Vordach.

Er machte die Teilnehmenden auch auf kaum wahrgenommene Details aufmerksam, hob sehr gelungene Beispiele hervor, um sie von anderen zu unterscheiden. Er beleuchte insbesondere die Arbeit des Grenchner Architektenduos Straumann und Blaser, welches eine Vielzahl an geglückten Bauvorhaben in jener Zeit realisiert hat. Angela Kummer vermittelte dazu das Lebensgefühl in dieser Zeit, einer Zeit, welche auch geprägt war von einer ungeheuren Nachfrage an Wohnraum.

Bewahren und weiterentwickeln

Stadtplaner Fabian Ochsenbein zeigte auf, wie die Stadt mit diesem Erbe umgeht, wie man versucht, dieses auch zu bewahren. Er verhehlte dabei nicht, dass dies nicht immer ganz einfach ist. Sei es aus energetischen Gründen oder aus berechtigen Anliegen zum Beispiel von Gewerbetreibenden, gelte es auch Kompromisse einzugehen. «Wir versuchen immer, zusammen mit den Besitzern einen Weg zu finden, um das Gebaute in seiner ursprünglichen Intention weiterhin sichtbar zu erhalten. Bisher gelang uns das wohl ziemlich gut, auch wenn da und dort Zugeständnisse gemacht werden mussten», führte er aus.

Michael Hanak wünschte sich weiterhin einen sorgsamen Umgang mit diesem einzigartigen Stadtbild: «Es ist verständlich, dass bei Sanierungen das eine oder andere modernisiert wird. Uns ist einfach wichtig, dass dies in einer Qualität geschieht, die dem ursprünglichen Bau entspricht.» Er attestierte den Verantwortlichen zudem auch, dass dieses Unterfangen bisher zumeist gut gelungen sei.