Bewässerung
Stadtgrün im Kampf gegen Trockenheit: «Wir bräuchten 14 Tage Dauerregen»

Trotz gestrigem Regen leidet die Vegetation in der Stadt unter Trockenheit. Seit Mitte Mai steht die Bewässerung oben auf der Prioritätenliste. Zum Einsatz kommt Wasser aus der Aare und aus der Tunnelsohle.

Daniela Deck
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Ein Mitarbeiter der Stadtgärtnerei bewässert die Baumallee auf der Flughafenstrasse. (Andreas Toggweiler)

Ein Mitarbeiter der Stadtgärtnerei bewässert die Baumallee auf der Flughafenstrasse. (Andreas Toggweiler)

Grenchen wurde diesen Sommer dem neuen Werbeslogan «Jurasonnenseite» gerecht. Die immer wieder angesagten Niederschläge und Gewitter blieben hier meistens aus, bzw. waren ungenügend. Stadtgrün Grenchen hatte alle Hände voll zu tun, um die Bepflanzung in der Stadt vor dem Verdorren zu bewahren.

Seit Mitte Mai steht die Bewässerung oben auf der Prioritätenliste. Zum Einsatz kommt Wasser aus der Aare und aus der Tunnelsohle. «Um den Wasserhaushalt im Boden auszugleichen, bräuchten wir inzwischen 14 Tage Dauerregen», konstatiert Patrick Kilchenmann, Leiter ad interim beim Stadtgrün.

Nach Dauerregen sieht es trotz dem Wetterumschwung gestern Dienstag nicht aus, und so bewässern er und seine Mitarbeitenden den Sommerflor, die Blumenkästen im Stadtzentrum und die frisch gepflanzten Alleebäume zweimal in der Woche, am Montag und am Freitag.

«Während der kürzlichen Hitzeperiode waren die zwei kleinen Tankfahrzeuge mit Fassungsvermögen von je 600 Litern sogar dreimal in der Woche unterwegs. Innerhalb einer Woche werden gemäss Schätzung von Kilchenmann ohne Weiteres 60’000 Liter Wasser gebraucht.

Unterstützung vom Werkhof

Wenn zusätzlich der grosse Zisternenlastwagen (Fassungsvermögen ca. 4000 Liter) gebraucht wird, dann ist das Team auf die Unterstützung des Werkhofs angewiesen. «Wir haben beim Stadtgrün keinen Lastwagen-Chauffeur», erklärt Patrick Kilchenmann.

Letzte Woche ist dieser Fall eingetreten. Die Trockenheit hat auch einen Teil der «erwachsenen» Alleebäume (vor 2016 gesetzt) derart in Bedrängnis gebracht, dass sie einen kräftigen Schluck aus dem Zisternenlaster brauchten. «Wir verwöhnen unsere Bäume nicht. Sie sollen tiefe Wurzeln bilden, damit sie standfest werden und Wind und Wetter trotzen können», sagt der Stadtgrün-Leiter. Im Hinblick auf den kommenden Niederschlag habe man die Erde rund um den Stamm angefeuchtet, damit plötzlicher Regen diese nicht wegschwemmt, sondern gut aufgenommen werden kann.

Neue Schädlinge und Wassersäcke für Jungbäume

Bedingt durch das Eschensterben setzen die Gärtner an den Strassen vermehrt auf Säulenhainbuchen und Feldahorn, zum Beispiel an der Dählenstrasse. «Wir sind sehr zufrieden mit diesen Bäumen. Nach dem ersten Jahr brauchen sie keine spezielle Pflege mehr.» Sorgen machen Kilchenmann hingegen ein «ganz aggressiver Föhrenpilz» sowie ein asiatischer Käfer, der wahllos alle Arten von Laubbäumen umbringt, wobei letzterer bisher im Kanton Solothurn nicht aufgetreten ist (siehe Text links).

Noch ist er nicht da – Stadtgrün wappnet sich für Bekämpfung des Laubholzbockkäfers

Eschen- und Föhrenpilz sowie Buchsbaumzünsler sind nicht die einzigen Gefahren für unsere Bäume. Das Bundesamt für Umwelt warnt vor dem Asiatischen Laubholzbockkäfer, der unterschiedliche Laubbäume befällt und sie innert weniger Jahre absterben lässt. Stadtgrün-Mitarbeitende haben eine Schulung besucht, um den Schädling erkennen und bekämpfen zu können, der seit 2011 in den Kantonen Freiburg, Aargau und Zürich aufgetreten ist. Allein in Winterthur verursachte der Käfer Kosten von 3.3 Mio. Franken.

Eingeschleppt wird der Laubholzbockkäfer mit Holzverpackung. «Oft zeigt sich ein Zusammenhang mit Strassenbaustellen, auf denen Granit aus China verbaut wurde. Der Granit wurde auf befallenen Paletten geliefert», erklärt der interimistische Stadtgrün-Leiter, Patrick Kilchenmann. Befallene Bäume müssen sofort gefällt und verbrannt werden. Anschliessend müssen alle Bäume in der Umgebung regelmässig während mindestens vier Jahren mit Spürhunden kontrolliert werden. Zur visuellen Kontrolle muss jeder Ast zudem bestiegen oder vom Kranwagen aus kontrolliert werden. Der Laubholzbockkäfer (schwarz mit hellen Flecken, Körper ca. 3 cm lang, sehr lange, segmentierte Fühler) bohrt kreisrunde, gut sichtbare Löcher in den Baumstamm. Jeder Befall ist meldepflichtig. Da es geschützte einheimische Käfer gibt, die ähnlich aussehen, sollen verdächtige Insekten nicht getötet, sondern mit einem Glas eingefangen und der Fund dem Stadtgrün gemeldet werden. (dd)

Seit zwei Jahren packt das Stadtgrün frisch gesetzte Bäume in Kunststoffsäcke, um das Wasser besser zu nutzen und die Bewässerung einfacher zu machen. Diese «Treegator» oder Wasserjacken haben unten kleine Löcher, durch die das Wasser während fünf bis sieben Stunden langsam zu den Wurzeln sickert.

Tunnel und Fluss nutzen

«Wir sind sehr froh, dass wir eine Bewilligung haben, um Wasser aus der Aare zu entnehmen, ähnlich wie die Bauern. Sonst kämen zu den Personalkosten für das Wässern noch die Wasserkosten hinzu, und wertvolles Trinkwasser zu verschwenden ist auch nicht in unserem Sinn», sagt Patrick Kilchenmann. Neben der Nutzungsbewilligung für das Flusswasser verfüge das Stadtgrün über die Bewilligung zur Nutzung des Tunnelwassers. «Wir haben an der Alpenstrasse eine Pumpe montiert, mit der wir unsere Fahrzeuge füllen können.»

Noch ist die Trockenheit nicht so gross, dass das Flusswasser knapp ist, wie das in Hitzesommern gelegentlich vorkommt. Doch Patrick Kilchenmann hat festgestellt, dass die Zeiten, in denen das Stadtgrün Rabatten und Jungbäume bewässern muss, in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben.

Fehlendes Verständnis

Aus Erfahrung weiss er, dass nicht alle für diese Arbeit Verständnis haben. Besonders wenn Stadtgrün-Mitarbeitende während oder kurz nach einem Regen mit den Tankfahrzeugen unterwegs sind, könne es vorkommen, dass sie angehupt würden, «den Vogel» gezeigt bekämen oder sich gar Beschimpfungen anhören müssten. «Manche Leute haben kein Gespür dafür, dass Schauer derzeit nur einen Tropfen auf den heissen Stein darstellen. Zudem: Die Blumenpyramiden auf dem Marktplatz als Beispiel sind so dicht bewachsen, dass ein kurzer Regen gar nicht in die Erde gelangt, sondern an den Blüten abperlt.»