Stadtbummel
Zum Tag der guten Taten

Auch das Wahlmaterial auszufüllen, kann als gute Tat durchgehen in Grenchen, ist die Stadtbummlerin überzeugt.

Brigitte Stettler
Brigitte Stettler
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Es wäre eine gute Tat, abstimmen zu gehen, ist unsere Stadtbummlerin überzeugt (Archiv).

Es wäre eine gute Tat, abstimmen zu gehen, ist unsere Stadtbummlerin überzeugt (Archiv).

Oliver Menge

Ausgerechnet heute sei, das habe ich irgendwo gelesen oder gehört, scheinbar der Tag der guten Taten. Und so kommt es, dass ich mir den Kopf zerbreche, wem ich eventuell etwas zuliebe tun könnte. Ich bin in dieser Beziehung ein wenig vorbelastet. Meine Mutter hielt uns Kinder von Zeit zu Zeit dazu an, Gutes zu tun. Nichts Grosses, auch Kleinigkeiten würden zählen und vor allem die gute Absicht.

So sass ich denn als ungefähr 7-jähriges Kind eine geschlagene Stunde am Strassenrand und wartete darauf, dass ein alter und möglichst gehbehinderter alter Mensch daher käme, den ich dann auf die andere Strassenseite begleiten könnte und der mir danach unendlich dankbar wäre für meine gute Tat. Nach eben dieser einen Stunde sah ich endlich den älteren Herrn Hitz aus unserer Nachbarschaft, der mich freundlich grüsste und mich fragte, warum ich denn da sitze. Nach meinen mehr als ausführlichen Erklärungen liess er sich lächelnd über die Strasse führen und ich hüpfte erleichtert und fröhlich nach Hause. Viel später erzählte der Herr Hitz meiner Mutter, dass er gar nicht die Absicht gehabt habe, die Strasse zu überqueren, aber dem Kind zuliebe ...

Man sieht, ich tue mich mit guten Taten eher schwer. Natürlich dann nicht, wenn ich an verschiedene Institutionen einfach Geld überweisen kann. Aber das zählt ausgerechnet heute wahrscheinlich nicht, gute Taten sollen sichtbar und mit Opfern verbunden sein. Oh je. Meine Abstimmungs- und Wahlunterlagen könnte ich heute noch ausfüllen und abschicken und wenn ich an die letzte hundslausig miese Stimmbeteiligung Grenchens bei den letzten Wahlen denke, würde jeder abgegebene Wahlzettel eindeutig als gute Tat durchgehen. Oder auch die Tatsache, dass ich nicht schwurbelnd durch irgendwelche Landen ziehe und meinen Frust herausbrülle.

Dabei, so habe ich ebenfalls gelesen, ist Frustration ja nichts anderes als ein Gefühl der Enttäuschung und der Machtlosigkeit, wenn ein geplantes oder erhofftes Ereignis entweder ausbleibt oder anders als vorgesehen verläuft. Ich frage mich ja höchstens, ob denn alle diese zutiefst Gefrusteten vor Corona dieses Gefühl gar nicht kannten oder ob ihnen Corona vielleicht endlich einen Grund gibt, diesen lautstark auszudrücken. Muss ich ja nicht haben, dieses sinnlose Gerede, diese absurden Verschwörungstheorien, dieses hässig sein auf alles und jeden, der in unserem Staat mit die Verantwortung trägt. Auch habe und hatte ich keinen Moment lang das Gefühl, dass ich in Corona-Zeiten ein Mensch ohne jedes Recht bin und ferngesteuert von bösen Mächten schon gar nicht. Geknüppelt und geknebelt seien wir? Hääh? Ein wenig stolz bin ich aber doch, hat doch in Grenchen bisher keine Schwurbler-Demo stattgefunden und wenn’s nach mir geht, so wird auch keine stattfinden.

Aber zurück zum Tag der guten Tat. Ich könnte natürlich jemanden zum Essen einladen. Aber wir sind schon eingeladen und ich darf nicht einmal etwas mitbringen. Ich könnte aber, wenn ich heute in die Stadt gehe, Komplimente verteilen einfach so, Bücher in den Bücherschrank legen, den ich über alles schätze und jemandem anbieten, eine schwere Tasche zu tragen. Und ich werde mein Couvert mit den Wahlunterlagen, ausgefüllt und zugeklebt natürlich, für alle sichtbar in die Luft halten und laut rufen: Vergessen Sie nicht, auch Ihre Stimme abzugeben, denn jede Stimme ist wichtig. Ich erwarte dementsprechend eine Grenchner Stimmbeteiligung von mindestens 40%. Und wenn das heute alles nichts nützen sollte, so besuche ich morgen Sonntag ein heimisches Restaurant und schlage mir den Bauch voll. Mir läuft jetzt schon das Wasser im Mund zusammen!

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