Stadtbummel Grenchen
Wenn Menschen sich Menschen zuwenden, statt sich abzuwenden

Der heutige Stadtbummel erzählt, was möglich ist, wenn sich Menschen um andere kümmern. Eine Ermutigung.

Dagobert Cahannes
Dagobert Cahannes
Drucken
Teilen
Von Mensch zu Mensch (Symbolbild).

Von Mensch zu Mensch (Symbolbild).

Bruno Kissling

Beim Suchen für den Stadtbummel ein einigermassen interessantes Thema zu finden, ist man oftmals auch auf zufällige Begegnungen oder spontane Gespräche mit Kolleginnen oder Kollegen angewiesen. So ist es mir am letzten Mittwoch ergangen.

Beim Espresso in einem Grenchner Tea-Room treffe ich regelmässig eine ältere Frau, die ich zwar jeweils grüsse, mit der ich aber – trotz ihrer stundenlangen Präsenz – nie das Gespräch suchte. Der Zufall wollte es, dass ich mitbekam, dass das Wirte-Ehepaar mit der Frau vertraut sein musste und viel mit ihr besprach.

Der «Gwunder» liess mich nicht los und ich fragte die beiden, wer diese Frau denn sei und woher sie sie kannten. Sie erzählten mir, dass diese 73-jährige Frau aus dem ehemaligen Ostblock stamme und über 40 Jahre in einem Grenchner Unternehmen gearbeitet habe. Sie hätten in aller Ruhe angefangen, mit ihr zu plaudern, und mussten feststellen, dass sie grosse private Probleme hatte und sich nicht besonders gut ausdrücken konnte. Sie fanden heraus, dass sie zu Hause – mangels Wasser – nicht kochen konnte und grosse Probleme mit der Hygiene hatte.

Statt sich von ihr abzuwenden, wandten sie sich ihr zu!

Sie nahmen Kontakt mit dem Vermieter der Frau auf und stellten fest, dass das mangelnde Wasser nicht am defekten Boiler, sondern an den unbezahlten Rechnungen lag. Sie halfen ihr, indem sie dafür sorgten, dass die Buchhaltung wieder in Ordnung kam, es deshalb wieder Strom und warmes Wasser gab.

Ihr Hab und Gut trug sie immer in einem alten und löchrigen Plastiksack mit sich herum. Der Zufall wollte es, dass ein Mitarbeiter der Stadtreinigung in der Nähe des Lokals einen beschrifteten Briefumschlag fand und bei den beiden Wirtsleuten nachfragte, ob ihnen der aufgedruckte Name etwas sage.

Die beiden wussten sofort Bescheid, denn es war die Frau, die täglich bei ihnen im Lokal sass. Im Briefumschlag kamen nicht weniger als 800 Franken zum Vorschein.

Beide «guten Geister» hatten mit den Behörden bereits schon Kontakt aufgenommen und so konnte der verwirrten Frau geholfen werden, obwohl dies eine ganz besondere Herausforderung war. Beide haben es sich zur Aufgabe gemacht, weiterhin ein wachsames Auge auf ihre einsame Besucherin zu werfen, um ihr weiterhin hilfreich zur Seite zu stehen.

Mich hat diese Geschichte echt begeistert. Es gibt noch Menschen, die miteinander reden, vor allem gut zuhören und auch handeln können. Ich würde mich freuen, wenn Sie – liebe Leserinnen und Leser – Ihre «Antennen» auf Empfang stellen und Signale unserer Mitmenschen aufnehmen ... und handeln würden.

Aktuelle Nachrichten