Stadtbummel Grenchen
Leise, wie ein Blatt vom Baume fällt ...

Die neuen Coronawörter und was sie auslösen sind das eine. Ein Mensch, dem man konkret begegnen kann, das andere.

Roger Rossier
Roger Rossier
Merken
Drucken
Teilen




Annika Bütschi

Mit der Coronapandemie haben sich neue Wörter im Alltag breitgemacht. «Inzidenz» ist ein gutes Beispiel. Eine Kennzahl, die bei vielen Politikern zum Hauptargument für die Formulierung strikter Massnahmenpläne gehört. Die Inzidenz drückt aus, wie viele Neuerkrankungen umgerechnet auf 100'000 Personen an einem Tag gezählt werden.

Es gibt Länder, die schreien nach völligem Lockdown, sobald der Wert 100 Ansteckungen erreicht hat. Andere Regionen lockern bei der gleichen Inzidenz die verordneten Verbote. Wie kann das sein? Damit auch ich diese Kennzahl besser verstehe, habe ich mir eine Modellrechnung zurechtgelegt. Nehmen wir an, unser Polizeikommandant Christian Ambühl möchte wissen, wie es um die Disziplin der Grenchner Autofahrer steht und schickt am Montag einen Stadtpolizisten mit dem Auftrag los, während einer Stunde auf einem Strassenabschnitt Radarmessungen vorzunehmen. Gehen wir weiter davon aus, in Grenchen besitzen 12'500 Personen den Führerausweis und dieser Polizist erwischt fünf Schnellfahrer. Umgerechnet auf 100'000 ergäbe dies eine »Temposünder-Inzidenz» von 40.

Damit kann man leben, es drängen sich keine Massnahmen auf. Eine Woche später macht die Stadtpolizei gleichzeitig an fünf Einfahrtstrassen Tempokontrollen. Durch diese Massnahme verfünffacht sich die Zahl der Kontrollen. Man kann davon ausgehen, dass jetzt nicht nur fünf, sondern 25 Schnellfahrer erwischt werden. Dies ergäbe auf 100'000 Fahrzeuglenker umgerechnet eine Inzidenz von 200. Spätestens jetzt müssten rigorose Verkehrsberuhigungsmassnahmen umgesetzt werden.

Vermutlich würde nichts passieren. Allen dürfte bewusst sein, dass die Ergebnisse nicht vergleichbar sind, da die Summe der Kontrollen unterschiedlich ist. Ich bin mir der Tragweite der Pandemie sehr bewusst, auch welches Leid sie über die Menschheit bringt. Ich frage mich nur, wieso werden weltweit Massnahmen getroffen, die sich auf statistische, nicht vergleichbare Zahlen stützen? Oder mache ich einen Denkfehler?

«Leise wie ein Blatt vom Baume fällt, so geht ein Leben aus der Welt …». Diese Überschrift las ich vor zwei Wochen in der Todesanzeige meines ehemaligen Mitschülers Urs. Mit ihm besuchte ich die Primarschule im Zentrum. Es war die Zeit, als die Bevölkerung in Grenchen stark zunahm, die Lektionen noch 50 Minuten dauerten und die Schulklassen oft 36 Kinder zählten. Entlastungshilfen für Lehrpersonen oder Stützunterricht für schwächere Schüler gab es nicht. Kinder mit kognitiven Beeinträchtigungen «verschwanden» vor mehr als 50 Jahren in der Hilfsschule.

Urs gehörte auch zu dieser Gruppe und überspielte seine Lernschwäche mit stets guter Laune und einem verlegenen Lächeln. Vor knapp zwei Jahren traf ich Urs zufällig auf dem Marktplatz. Seither begegneten wir uns immer wieder. Meistens befand er sich auf dem Nachhauseweg von seiner Arbeit. Er sah gut aus, wirkte zufrieden und erzählte stolz von seinen Aufgaben beim grössten Arbeitgeber der Stadt. Ich freute mich für ihn, der offenbar seinen Weg gemacht hatte.

Privates erzählte Urs wenig. Vielleicht ist er wie in seiner Kindheit ausserhalb der Arbeitswelt ein Einzelgänger geblieben? Vielleicht traf ihn die vor einem Jahr verordnete Kurzarbeit härter als andere? Vielleicht überspielte er schwierige Situationen mit seinem in der Kindheit eingeübten Lächeln. Vielleicht wurde Urs ein Opfer der Pandemie, das nie in einer Statistik des BAG erscheinen wird, weil er, leise, wie ein Blatt vom Baume fällt, die Welt verliess.