Stadtbummel Grenchen
«Es isch Zyt!» Leben im Mahlstrom der Zeit

Eine philosophische Betrachtung unserer Vergänglichkeit.

Claudia Dahinden
Claudia Dahinden
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Die Zeit verrinnt unaufhaltsam (Symbolbild).

Die Zeit verrinnt unaufhaltsam (Symbolbild).

zvg

Wer kennt den Ausdruck nicht? Wir sagen ihn, wenn der nächste Task ansteht oder wir in der Beiz realisieren, wie spät es geworden ist. Denn die Zeit läuft, seit, wie Iris Minder in ihrem genialen Freilichtspiel postuliert, die Grenchner sie erfunden haben. Sie rauscht vorbei, wenn wir es schön zusammen haben, sie dehnt sich unendlich während der langweiligen Schulstunde oder bei einer ungeliebten Aufgabe; manchmal in Momenten des Glücks.

Und manchmal steht sie still: Wenn wir ein lang erstrebtes Ziel erreichen. Wenn ein Kind geboren wird. Oder wenn wir Abschied nehmen müssen. Gut ein Jahr, nachdem ich meinem Pa einen «Farewell»-Bummel gewidmet habe, muss Grenchen wieder viel zu früh von einem hochgeschätzten Mitbürger Abschied nehmen. Ich kenne Aldo Bigolin noch aus meinen «Eintracht-kommt-zur-Stadtmusik»-Jahren, und am stärksten erinnere ich mich an seine Tatkraft und sein warmherziges, unverfälschtes Wesen, das mich bei jeder noch so kurzen Begegnung aufgestellt hat.

Doch die Zeit reisst uns unbarmherzig in ihren Strudel, frisst sich in unser Leben und demonstriert ihre Macht an unseren Körpern, die sich in toto und in Einzelteilen Jahr für Jahr etwas mehr gen Boden senken, bis irgendwann der physische Aspekt unserer Existenz in diesem Boden versinkt. «Dum loquimur, fugerit invida aetas», lamentierte Horaz: Noch während wir hier reden, ist uns bereits die missgünstige Zeit entflohen. Da lobe ich mir nochmals Iris Minders Theorie. Könnte sie nicht bedeuten, dass wir Grenchner die Macht über die Zeit besitzen? Wir haben so viele Uhrenfirmen, die das Ungetüm mit ihren Erzeugnissen unter Kontrolle halten!

Dummerweise wissen wir es besser. Und egal, ob wir an ein «Afterlife» glauben: Unsere Vergänglichkeit ist ein Weckruf, unseren Tagen Sinn zu geben und sie wertzuschätzen. Wir haben nicht das Glück eines Bill Murray in «Und täglich grüsst das Murmeltier», der sich in seiner Zeitschleife in aller Ruhe vom Griesgram zum Menschenfreund mausern kann. Wir müssen das so hinbekommen; mit der durchs Stundenglas rinnenden Zeit als grimmigen Freund, der uns daran erinnert, dass jeder Tag zählt.

Leben wir ihn also: Flanieren wir am Abend über den Marktplatz und hören uns zum Gedenken an Aldo das Ständchen der Stadtmusik an; pilgern wir zum Flugplatz an die Schweizerische Segelflugmeisterschaft. Fiebern wir mit beim Grenchenberglauf, oder geniessen wir die Führung des Kulturhistorischen Museums über Beete, Gärten und Parkanlagen in Grenchen. Besuchen wir liebe Freunde, oder führen wir unseren Partner wieder mal zum Essen aus – natürlich in Grenchen. Carpe diem, denn: Tempus fugit…!