Stadtbummel Grenchen
«D’Wält dreiht witer» – eine Zeitreise

Roger Rossier
Roger Rossier
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Es war schon dunkel, die Schneeflocken tanzten im Scheinwerferlicht, als ich mit meinem alten Citroën BX über die Monbijoukreuzung nach Hause tuckerte.

Plötzlich machte sich meine elf Monate alte Tochter auf dem Kindersitz hinter mir bemerkbar. «Tannnebäumli» sagte sie laut und betonte dabei sehr lange den Buchstabenstaben «n». Mit ihren beiden in Handschuhen verpackten Händchen zeigte sie mit strahlenden Augen auf den grossen, hell leuchtenden Weihnachtsbaum, der auf dem leeren Coop-Parkplatz (heute Denner) stand. «Tannebäumli» zählte zu den ersten Worten ihres Vokabulars. Immer wieder erinnern mich Weihnachtsbäume an diesen speziellen Augenblick vor über dreissig Jahren. Heute werden am gleichen Ort keine Kinder «Tannebäumli» rufen, da kein Anzeichen für die bevorstehenden besinnlichen Tage zu finden ist.

Vieles hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in diesem Quartier verändert. Wohnten früher Leute wie der Statthalter(so hiess früher der VizeStadtpräsident) Romano Glaus, derlangjährige MigrosFilialleiter Werner Nyffenegger, der Feuerwehrkommandant Rolf Witschi, der Architekt Ivo Erard oder der Stadtpolizeikommandant Willi Hug mit ihren Familien in dieser Gegend, zählt heute das Lingerizquartier nicht unbedingt zur bevorzugten Wohnlage Grenchens.

Während man in anderen Städten beobachten kann, wie sich einst lebendige, kulturell durchmischte Quartiere leider immer mehr zu vornehmen teuren Wohngegenden entwickeln, scheint der Trend im Lingerizquartierin die Gegenrichtung zu gehen.

Dieser Tendenz fiel offenbar auch das «Tannebäumli» zum Opfer. Dafür kann man sich über die auf der Terrasse des Restaurant Monbijou geschickt verpackten Sträucher und Bäume freuen, die mit ein wenig Fantasie an das bildhauerische Meisterwerk des Künstlerpaares Jeanne-Claude und Christo erinnern, als sie 1998 auf dem Areal der Fondation Beyeler 162 Bäume mit Polyesterstoff verhüllten.

Spätestens seit der Pandemie haben wir alle unsere Erfahrungen mit der Angabe der persönlichen Kontaktdaten gemacht. Jedes Mal wird auch nach dem Jahrgang gefragt. Statt einfach die vier Zahlen in die App zu tippen, muss ich im Navigationstool nach unten scrollen, bis ich endlich mein Geburtsjahr erreicht habe. Das dauert von Jahr zu Jahr länger, weil ich immer weiter nach unten navigieren muss. Erbarmungslos zeigt die App, wo wir auf der Zeitleiste stehen. Dabei möchte man noch viele Weihnachten erleben, sehen, wie die Enkelkinder bei Schulaufführungen singen oder Theater spielen.

Wie war ich stolz, als ich mit neun Jahren im Krippenspiel einen Hirten spielen durfte und die Eltern der Kinder im Wintermantel schwitzend, Schulter an Schulter entlang der Schulzimmerwände stehend, ihren Sprösslingen bei der Vorführung zuschauten. Dies blieb meinen Enkelkindern auch dieses Jahr verwehrt. Zum zweiten Mal wurden vor langer Hand vorbereitete Vorführungen kurzfristig abgesagt. Immerhin gab uns unser Enkel Vincent eine kleine Kostprobe seiner für das grosse Weihnachtskonzert einstudierten Weihnachtslieder. Ich wünsche ihm und allen anderen Kindern, dass sie nächstes Jahr wieder vor Publikum singen oder Theater spielen können und maskenlos die Welt entdecken dürfen. Denn: «d’Wält dreiht witer», ich wünsche mir nur in eine andere Richtung.

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