Stadtbummel
Die weisse Pracht ist weg und hat die Feuerwehr auf Trab gehalten

Der Wärmeeinbruch und Dauerregen haben überall im Kanton zu Überschwemmungen geführt. Auch im Lingeriz glaubten Anwohner gestern Abend, sie seien wieder einmal im falschen Film.

Oliver Menge
Oliver Menge
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Ach war das schön: Die weisse Pracht, die in den letzten Wochen immer wieder die ganze Region bedeckte, die Bäume verzuckerte und die Landschaft zeitweise in eine Märchenwelt verwandelte, vermochte den einen oder anderen sicher etwas von den misslichen Umständen abzulenken, unter denen wir alle «Corona sei Dank» leben müssen.

Endlich konnte der brandneue Skilift seine Aufgabe wahrnehmen, sogar ohne offiziell eingeweiht zu werden. Auch das war dem Virus geschuldet. Aber immerhin konnten Grenchnerinnen und Grenchner ihr Naherholungsziel so richtig geniessen. Nicht nur Schneeschuhwanderungen durch die zauberhafte Winterlandschaft waren möglich, jetzt konnte man auch Skifahren und Schlitteln, eine wahre Freude.

Hätte man sich zwischendurch im Restaurant aufhalten können, wäre der Winterspass perfekt gewesen. Den Hunger konnte man stillen, das ja. Die kalten Glieder wieder aufzuwärmen, das lag nicht drin. Ganz findige Schneesportler nahmen selber Kochgeschirr mit auf den Berg und genossen ein Raclette oder Fondue unter freiem Himmel.

Doch man musste nicht einmal auf den Berg fahren, um dem Wintersport zu frönen, wie zahlreiche Beiträge auf den sozialen Medien bewiesen. Der Tochter von Angela Kummer beispielsweise reichte offenbar die verschneite Treppe im Stadtpark, um ein paar Meter auf den Ski runterzurutschen.

Damit ist nun aber Schluss: Die letzten Reste der weissen Pracht sind ein paar kümmerliche, braune Haufen, die noch nicht weggeschmolzen sind, überall verteilt in der Stadt. Und bei den aktuellen Temperaturen von fast 10 Grad dürfte es nicht lange dauern, sind auch die weg. Der Regen hat das Seine dazu beigetragen. Auch auf den Wiesen rund um die Stadt ist der Schnee geschmolzen. Und zusammen mit dem Dauerregen während zwei Tagen kam so viel Wasser zusammen, dass die Böden dieses schlicht nicht mehr aufnehmen konnten.

Die Feuerwehr der Stadt Grenchen hat Erfahrung damit und weiss, wo es in der Stadt regelmässig bei solchen Witterungskonstellationen zu Problemen kommt. Schon vor drei Jahren musste sie ausrücken, und als Thomas Maritz, der Feuerwehrkommandant der Stadt Grenchen, von der Alarmzentrale in Solothurn alarmiert wurde, wussten er und seine Leute bereits, was sie in etwa erwartet. 32 Mann waren aufgeboten und schleppten Sandsäcke in die Treppenhäuser der Blöcke und vor die Eingänge, um zu verhindern, dass das Wasser die Keller füllt.

Es waren übrigens so viele Feuerwehrleute im Einsatz, weil auch sie strenge Vorschriften aufgrund von Covid-19 einhalten müssen, wie Maritz erklärte. So waren die beiden Nachtgruppen damit beschäftigt, die Gräben, die bereits vor zwei Jahren entlang des Acker gezogen worden waren, vom Dreck zu befreien, damit das Wasser gezielt abfliessen konnte und die Sandsäcke an die richtige Stelle zu schleppen. Die eine aufgebotene Tagesgruppe diente logistisch, sprich, die Feuerwehrleute holten die Sandsäcke beim Zivilschutz und brachten sie ins Lingeriz. Diese Gruppe reinigte nach dem Einsatz auch das Material. So arbeiteten die Tages- und Nachtgruppen zusammen, ohne physisch aufeinander zu treffen.

Zwischen den obersten Gebäuden unterhalb des Landwirtschaftsgebietes zwischen Lengnau und Grenchen floss noch am Freitagmorgen das Wasser die Stufen der kleinen Treppe hinunter. Weiter oben ergoss sich ein regelrechter Bach und bahnte sich seinen Weg zwischen Kinderrutsche und Sandsäcken hindurch. Stadtpräsident François Scheidegger machte sich zusammen mit Stadtbaumeister Aquil Briggen ein Bild von der Situation.

Das Gröbste ist vorbei. Und Schneesportler können aufatmen: Zwar hat es auch auf dem Berg kurz geregnet, doch es soll wieder kälter werden und schneien. Dem Wintersport steht also nichts mehr im Weg. Zwar sind die Pisten heute noch geschlossen, teilen die Verantwortlichen mit. Aber morgen Sonntag, da könnte es eventuell schon klappen.