Stadtbummel
Die Hoffnung auf ein freundliches Miteinander bleibt bestehen

Einige Gedanken unserer Stadtbummlerin zur vorweihnächtlichen Zeit, zur fehlenden Zurückhaltung beim Dekorieren und zum Umgang miteinander.

Brigitte Stettler
Brigitte Stettler
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Jedes Jahr nehme ich mir fest vor, unsere Weihnachtsdekoration in massvollem Rahmen zu gestalten, nicht zu viel von allem also, Zurückhaltung ist gefragt in diesen schwierigen Zeiten. Und dann kam der 1. Advent und es schneite, einfach wunderbar. Den Tannenbaum vor dem Haus schmückten meine Schwester und mein Mann und zwischendurch rief jemand, der auch da war: «Achtung, da fliegt ein Omikron!»

Ich fand das mässig lustig und tobte mich derweilen dekotechnisch im Wohnzimmer aus. Da eine Kerze und dort noch zwei oder drei, da ein oder zwei Keramikengel, Rentiere, Samichläuse, feine Lichterketten, die fast gar keinen Strom brauchen, hoffe ich, und überhaupt, es ist Advent. Tannenzweige fehlten noch, einen farbigen Teller für die noch nicht gebackenen Guetzli stellte ich vorsorglich auf den Tisch und fertig geschmückt war alles.

Zugegeben, das Wort «Zurückhaltung» kommt keinem in den Sinn, der sich bei uns umsieht. Im Gegenteil, «überladen» trifft es schon eher. Aber ich kann nicht anders. Die Adventszeit nicht mit der ganzen Vorfreude auf Weihnachten im Herzen zu verbringen ist undenkbar und in diesem Jahr schon grad gar nicht. Da muss es doch einfach strahlen und leuchten und glitzern und nach Zimt und Orangen riechen. Da muss doch Hoffnung sein auf virenfreie, auf maskenbefreite Zeiten.

Es muss auch Hoffnung sein auf ein freundliches Miteinander, anstatt sich auf den verschiedenen sozialen Plattformen anzugreifen, zu beschimpfen und zu bedrohen. Wenn ich zu Beginn der Pandemie noch dachte, diese könnte vielleicht auch eine Chance sein für uns alle, eine Möglichkeit zur Rückbesinnung, zu innerer Ruhe, ich habe mich getäuscht, und wie!
Die zunehmende Aggressivität, die fehlende Kompromissbereitschaft in Gesprächen machen mir zu schaffen. Wie vor der Covid-Abstimmung gehässelet, geschimpft, verunglimpft und gehetzt wurde, war keine reine Freude, sondern eine Schande, denn schliesslich gibt es auf der Welt nicht wenige Menschen mit echten Problemen. Es bleibt zu hoffen, dass die nun verstärkten Massnahmen helfen, die Ansteckungen einzudämmen.

Obwohl wegen dieser nun wahlweise das Grosi oder das Tanti Trudi das Covid-Zertifikat der Weihnachtsgäste hätten prüfen müssen. Der Onkel Franz hingegen wäre der zwölfte Gast gewesen von den empfohlenen elf Personen in Innenräumen, das hat den Franz saumässig aufgeregt. Und überhaupt hat sich der Franz gefragt: «Wo bleibt denn da bitte sehr meine Eigenverantwortung in diesem Fall, wo die gepflegte Gesprächskultur, wenn ich mein Schüfeli alleine essen muss?» Aber das ist nun wieder alles anders und der Onkel Franz darf doch zu allen anderen Gästen stossen, samt seiner gesamten Verantwortung und dem gepflegten Miteinander im Hosensack.

Gerade in der Weihnachtszeit lassen wir uns alle nur zu gerne stressen. Ist alles eingekauft, alles bereitgelegt für die festlichen Tage? Oder ist doch etwas vergessen worden, liegen geblieben, worum wir uns hätten kümmern sollen? Es ist an uns, vielleicht anstelle eines Standort-Marketings unseren eigenen Standort neu zu bestimmen, uns einzubringen in diese Gesellschaft, die in letzter Zeit einen müden, einen gespaltenen Eindruck macht.

Nehmen wir uns Zeit für uns selber, seien wir grosszügig und nachsichtig mit uns. Verlernen wir das Staunen nicht, eine gute Gelegenheit bietet die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Märetplatz oder einfach ein Spaziergang durch unser Quartier mit einem Blick auf die beleuchteten Fassaden und Fenster.

Das schönste Weihnachtsgeschenk bekam ich bereits auf den ersten Advent. Es besteht aus 24 kleinen, ganz bezaubernden Geschichten, eine Geschichte für jeden Tag und aus 24 Teelichtern, alle beschriftet mit einem einzigen Wort. «Hoffnung» ist eines davon. «Freude» ein anderes. Jeden Tag zünde ich eines dieser kleinen Lichter an. Heute ist «Wärme» an der Reihe, es ist das elfte kleine Licht, das meinen Tag erhellt und ich wünsche mir nichts mehr, als dass von dieser Wärme auch an Sie alle etwas nach aussen dringen mag.

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