Stadtbummel
Das grosse Aufatmen

Die Stadtbummlerin wirft einen Blick zurück.

Claudia Dahinden
Claudia Dahinden
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Die Kirchenglocken läuteten, als der Krieg vorbei war (Symbolbild).

Die Kirchenglocken läuteten, als der Krieg vorbei war (Symbolbild).

Urs Bucher

Endlich wieder Grenchner Stadtbummel! Dank dem roten Feiertag letzten Samstag ist es zwei Wochen her, seit der letzte erschienen ist. Seitdem ist viel passiert: Habemus Gemeinderat und Kantonsregierung, letztere wieder mal ohne Vertreter der Uhrenstadt. Wenn si mir dra? Vielleicht, wenn mehr als 28.8 Prozent Stimmbürger ein Couvert einwerfen. Den Stapi wählen wir auch bald, aber es ist zweifelhaft, ob sich ohne Kampfwahl eine höhere Stimmbeteiligung ergibt. Ich bin gar nicht so traurig, dass ich nicht schon wieder Personalentscheidungen treffen muss. Ausserdem können sich dann Stadtregierung, Gemeinderat und alle anderen Verantwortungsträger auf die Umsetzung ihrer in den glänzigen Wahlbroschüren angekündigten Pläne konzentrieren. Forza! Es dürfte also unproblematisch werden für den Stapi, aber vielleicht atmet er am Nachmittag des 13. Juni doch ein bisschen auf.

Ein gewaltiges Aufatmen ging vor 76 Jahren über den ganzen Globus: Am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft. Der Krieg war aus, und die Menschen feierten allüberall – auch in Grenchen. Wie der ehemalige Chappeli-Sigrist Paul Sperisen mir erzählte, läuteten in allen Grenchner Kirchen die Glocken; auch hoch über der Stadt. Ein eindrückliches Erlebnis sei das gewesen! Gut zwei Monate später, am 12. Juli, hiessen die Grenchner den Oberbefehlshaber der Armee, General Henri Guisan, auf dem Schulhausplatz im Zentrum willkommen, wo er vor 7000 Menschen eine Ansprache hielt.

Genau. 7000. SIEBENTAUSEND Menschen standen zusammen! Ein im Moment schwer vorstellbares Bild. Ich freue mich grad unmässig über all die Menschen, die auf den Restaurant-Terrassen ein Bierlein zwitschern oder einen Kafi schlürfen und hätte im Leben nicht gedacht, dass man einen so hundskommunen Anblick so vermissen kann. Wir geplagten Seelen dürfen auch etwas aufatmen. Halleluja! Wobei: Wenn ich an diesen Tag vor 76 Jahren zurückdenke, fühle ich mich beim Wort «geplagt» etwas unwohl. Was wissen wir von der Plage, die unsere Vorväter durchgemacht haben? Nicht viel. Und vielleicht können wir letztlich nie nachempfinden, was andere erlebt haben, und uns somit nicht damit trösten, dass wir es im Vergleich viel besser haben.

Etwas aber können wir: Uns bewusst machen, dass wir es eben nicht können. Versuchen zu akzeptieren, dass Menschen Gleiches nicht gleich empfinden. Das betrifft nicht nur die Vergangenheit und den jetzigen Moment, sondern auch mich und meine verwitwete Freundin, die mehr unter den Corona-Einschränkungen leidet. Üben wir uns in Empathie, oder wie Mütter ihre Kinder ermahnen: Sit lieb zunenang! Voilà. Das noch mein Last-Minute-Reminder für den Muttertag. Isch gärn gscheh!