Drazenka Dragila-Salis hat anfangs Jahr ihr Amt als Stadtbaumeisterin Grenchens angetreten. Eine wichtige Aufgabe für «ihre» Baudirektion war seither die Erarbeitung des neuen Räumlichen Leitbildes 2040 der Stadt im Rahmen der Ortsplanungsrevision. «Das Leitbild ist ein strategisches Planungsinstrument für die kommenden Jahrzehnte. Wir planen sozusagen für unsere Kinder und Kindeskinder», erklärt die Chefbeamtin die Bedeutung des Papiers für die Zukunft von Grenchen. Bis Mitte Juli kann auch die Bevölkerung sich an einem Mitwirkungsverfahren an diesem Prozess beteiligen (vgl. Kasten).

Doch als die Stadtbaumeisterin ihren Job am 1. Januar antrat, galt es zuerst auch noch viele andere Dinge zu tun. Das Amt des Stadtbaumeisters war längere Zeit nicht besetzt gewesen, die Abteilung wurde vom Stadtpräsident zusammen mit einem Change Manager geführt. Das Projekt «Effibau» führte zu einigen Veränderungen, auch zu Verunsicherung. Dragila, die jetzt auch Leiterin Hochbau in Personalunion ist, musste zuerst einmal zuhören. War sie auch Klagemauer? «Das nicht, ich habe aber schon gespürt, dass die Leute froh waren, wieder eine Ansprechperson für die alltäglichen Fragen auf einer Baudirektion zu haben», blickt sie zurück auf ihre ersten Wochen bei der Stadt.

Von beidem etwas

Die gebürtige Kroatin, die mit ihrer Familie in Baden AG lebt, hat zuvor als Kantonsbaumeisterin des Kantons Bern und als Immobilienverantwortliche der ETH Zürich gearbeitet. Was ist ihr am meisten aufgefallen, als sie nach Grenchen kam? – «Grenchen ist in baulicher Hinsicht ein Zwischending zwischen einer Stadt und einem Dorf», fasst sie ihre Eindrücke zusammen. «Es ist von beidem etwas, aber beides nicht wirklich.» 

«Nebst der Topografie mit Hanglage und der Einbettung in eine weitgehend intakte Natur fielen mir die vielen Freiflächen innerhalb der Stadt auf», sagt sie weiter. Diese seien für Grenchen dermassen charakteristisch, dass man dazu Sorge tragen müsse. «Wir können also nicht einfach munter drauflos verdichten, nur weil es scheinbar noch genug Platz hat», meint sie mit warnendem Unterton. Grenchen soll zwar wachsen, dabei aber den Charakter nicht verlieren. Bauprojekte sollten eine gewisse Qualität haben und nicht nur billigen Wohnraum anbieten. Von diesem gebe es in Grenchen schon genug. «Manche meinen, mehr als genug.» Die steigenden Leerstandszahlen machen dies deutlich.

Boden nicht verschleudern

Dem gegenwärtigen Bauboom begegnet sie deshalb mit einer gewissen Skepsis. «Wir dürfen nicht jede Renditeliegenschaft einfach durchwinken, denn wir brauchen auch noch Reserven für zukünftige Entwicklungen.» Auch sei zu überlegen, ob die Stadt eigenes Land künftig nicht vermehrt im Baurecht abgeben sollte, um Freiheitsgrade für die Zukunft zu behalten.

Dabei meint Dragila, dass der eigentliche Siedlungsdruck aus den Grossräumen heraus Grenchen noch gar nicht erreicht hat. Wenn die UBS Stellen auslagert, dann zuerst mal nach Biel. «Doch wir wissen nicht, wie die Situation in 25 Jahren aussieht.» Dann ist vielleicht Grenchen «the place to be».

Und für diese Zeit plant auch das Räumliche Leitbild 2040, welches die Grundlage des neuen Zonenplans sein soll. Dieser soll bis im Jahr 2020 erarbeitet und 2021 verabschiedet werden. «Im Moment sind wir noch auf einer relativ abstrakten Ebene, was für mich erklärt, dass das Interesse der Bevölkerung sich bis anhin in Grenzen hält.» Bis jetzt habe sie nämlich im Rahmen der öffentlichen Mitwirkung noch kein Feedback erhalten. Dies werde sich ändern, sobald die Planung parzellengenau werde. «Dann geht es um konkrete Betroffenheit.»

Partizipation wecken

Dass es mit der Partizipation in Grenchen so eine Sache ist, hat Dragila inzwischen mitbekommen. «Das kann verschiedene Ursachen haben. Vielleicht sind die Leute ja auch einigermassen zufrieden, wie es ist und sehen keinen Handlungsbedarf.» Partizipation lasse sich aber auch wecken, mit Themen, welche die Leute interessieren. «Stadtplanung interessiert, sobald sie konkret wird. Das zeigen Beispiele anderswo.» Weitere Veranstaltungen wie die erfolgreiche Information über Solarenergie oder auch neue Auszeichnungen der Stadt für vorbildliche (private) Bauprojekte würde Dragila begrüssen. Allerdings seien die Ressourcen der Baudirektion beschränkt, insbesondere nach Effibau.

Ideen für den Bahnhofplatz

Bald ist ein konkretes Bauprojekt, das in der Stadt schon lange beschäftigt, spruchreif: nämlich die Gestaltung des Bahnhofplatzes. Zwar sei die verkehrsmässige Situation beim Südbahnhof verglichen mit anderen Städten wenig dramatisch, schickt Dragila voraus. Dennoch diskutiert man drei Varianten mit dem Verkehrsplaner. Der Blickfang Kunsthaus soll weiter eine wichtige Rolle spielen bei der Gestaltung, anderseits müssen die Zukunftspläne von SBB und Migros miteinbezogen werden. Die Varianten werden der BAPLUK und der GRK im August präsentiert werden.

Falls Grenchen tatsächlich ein eigenes Agglomerationsprogramm auf die Beine kriegt, wäre der Bahnhofplatz oder Teile davon wohl ein subventionsberechtigtes Vorhaben. «Dazu müssten wir ein baureifes Projekt vorweisen können.» Die Maxime werde aber bleiben, mit minimalen Mitteln eine maximale Wirkung zu erzielen – «eben ein nachhaltiges Projekt definieren und realisieren».