Rettungsdienst
Stadt Grenchen zahlt Defizit alleine - Gemeinden soll künftig mithelfen

Gesprächsbereit hier, ablehnend dort - Das Defizit des Rettungsdienst Grenchen wird auch jenseits der Kantonsgrenze zu reden geben.

Daniela Deck
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Der Rettungsdienst Grenchen rückt in 14 Dörfer aus. Das Defizit zahlt aber Grenchen allein.

Der Rettungsdienst Grenchen rückt in 14 Dörfer aus. Das Defizit zahlt aber Grenchen allein.

Andreas Toggweiler

Das Defizit des Ambulanz- und Rettungsdienstes Grenchen gibt Anlass zur Besorgnis und hat auch Vorstösse im Gemeinderat ausgelöst. So ist dieses Defizit von 653 000 Fr. im Jahr 2012 auf 706 000 Fr. 2013 angestiegen, laut Rettungsdienst-Chef Reinhard Grichting, primär wegen arbeitsrechtlicher Bestimmungen. Es wird allein von der Stadt Grenchen getragen. Im Raum steht nun die Idee, die 14 Gemeinden beziehungsweise Dörfer, die neben Grenchen von der Notfallversorgung profitieren, zur Kasse zu bitten.

Abgesehen von informellen Gesprächen mit Bettlach und Selzach zu Zentrumslasten letztes Jahr ist die Stadt in Sachen «Rettungsdienst» bisher nicht bei ihren Nachbarn vorstellig geworden. Eine Umfrage bei den je zwei grössten Solothurner und Berner Gemeinden lässt ahnen, dass die Erschliessung von Geldquellen Grundsatzfragen aufwerfen wird.

Nicht jeder Anruf löst einen Einsatz aus

Vergleicht man die Kennzahlen auf den Websites der Rettungsdienste Biel und soH, dann zeigt sich, dass in Biel auf 6,9 Anrufe auf der Alarmzentrale eine Ambulanz für einen Notfall oder Krankentransport ausrückt, im Versorgungsgebiet Solothurn, Grenchen und Spitalregion Oberaargau (SRO) hingegen kommt ein Einsatz auf 3,6 Anrufe. Manuel Stalder vom bernischen Spitalamt bestätigt, dass solche Unterschiede zu reden geben, und mahnt gleichzeitig zur Vorsicht: «Da ist die Gefahr gross, dass man Äpfel mit Birnen vergleicht.» Er habe keine «erhärteten Argumente», vermute aber, dass die Überlagerung von Faktoren wie Stadt-Land, Romandie-Deutschschweiz, Altersstruktur und die Anzahl Ausländer eine Rolle spiele. Tatsächlich ist die Situation im Kanton Solothurn kompliziert und die Vergleichbarkeit der publizierten Zahlen zwischen Solothurn und Biel muss relativiert werden. Beat Walser, Leiter Rettungsdienst soH, gibt zu bedenken, dass sich im nördlichen Kantonsteil die Notrufnummer 144 noch nicht durchgesetzt habe. Dort sind die Ambulanzen von Paramedic, Heinrich Käch AG sowie des Spitals Liestal unterwegs. Markus Brun, Leiter von Käch Sanität und Rettung (Versorgungsgebiet in Solothurn: zwölf Gemeinden) erklärt: «Die alten Strukturen sind in der Bevölkerung so tief verankert, dass die Leute direkt bei ihrem Rettungsdienst anrufen, statt 144 zu wählen. Wir hoffen, dass sich das ändert und wir künftig auch von Solothurn disponiert werden können.» Umgekehrt kommt es nach Aussage von Beat Walser auf der Alarmzentrale in Solothurn vor, dass Leute mit vermeintlichen Bagatellfragen die dort angegliederte Notfallarzt-Nummer wählen, und sogleich eine Ambulanz ausrücken muss. Bei der Ambulanz Region Biel AG wird die Notfallarzt-Nummer nach Aussage des Betriebsleiters André Perny nicht auf die Alarmzentrale geleitet, sondern extern bedient. (dd)

Gesprächsbereit ...

«Wir haben mit Grenchen vereinbart, dass wir Gespräche zu den Zentrumsleistungen führen werden. In diesem Rahmen werden wir auch über den Rettungsdienst sprechen», sagt die Bettlacher Gemeindepräsidentin Barbara Leibundgut.

In Selzach erklärt Gemeindepräsidentin Silvia Spycher, dass man ein Begehren von Grenchen zum Rettungsdienst «im Gemeinderat sicher wohlwollend prüfen würde». Über bisherige Gespräche zum Thema müsse sie sich aber zuerst informieren.

Ähnlich klingt es in Arch. Gemeindepräsident Christian Röthlisberger erklärt, dass er ein allfälliges Begehren von Grenchen dem Gemeinderat vorlegen würde. Max Wolf, Gemeindepräsident von Lengnau, sagt zu einem derartigen Obolus hingegen: «Wäre ein solcher Beitrag fair gegenüber den anderen Gemeinden im Kanton Bern? Im Moment kann ich mir das nicht vorstellen. Denn wenn Grenchen mit diesem Anliegen vorstellig wird, würden wir den Ball an den Kanton weiterspielen. Dieser entscheidet ja, welcher Rettungsdienst welche Gemeinde abdeckt.»

«Aus Sicht des Kantons Bern ist die Notfallversorgung gesichert, im Fall des Bürenamtes durch den Stützpunkt Biel», erklärt Manuel Stalder. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim kantonalen Spitalamt und zuständig für das Rettungswesen. Entsprechend erteilt er der Idee eines kantonalen Rettungsdienstbeitrags für einzelne Gemeinden eine Abfuhr. Aber: «Wenn Gemeinden ein auswärtiges Angebot einkaufen möchten, ist das ihnen selbst überlassen.»

Es begann mit der Witwe Fäh

1927 schenkte die vermögende Witwe Fäh der Stadt Grenchen einen Krankenwagen (Foto links) mit der Auflage, dass kranke Grenchner damit gratis ins Spital nach Solothurn gefahren werden sollten. Damit legte sie den Grundstein für den Rettungsdienst. Das Spital Grenchen kam und ging, sodass heute die Ambulanzen die Patienten wieder auswärts bringen. Der Gratistransport hingegen musste nach Aussage von Robert Gerber, Chef der städtischen Blaulicht-Organisationen, zur Zeit der Hochkonjunktur aufgegeben werden: «Es gab damals nämlich Fälle, in denen die Ambulanz missbraucht wurde. So sollen Leute damit sogar zum Einkaufen chauffiert worden sein.» (dd)

Grenchner Ambulanz schneller da

Dafür gibt es im Bürenamt Gründe. Im Kanton Bern gilt bei der Notfallversorgung die Maxime, dass 80 Prozent der Patienten in 30 Minuten erreicht werden müssen. Im Kanton Solothurn hingegen sind es 90 Prozent in 15 Minuten. Dazu sagt Stalder: «Wir arbeiten auf die 90/15-Regel hin, aber so wie die Finanzlage im Kanton Bern aussieht, werden wir das Ziel kaum in nächster Zeit erreichen.»

Fünf Berner Gemeinden

Die Ausgangslage ist in den Kantonen Solothurn und Bern verschieden, obwohl der Rettungsdienst da wie dort eine Aufgabe des Kantons und die Finanzierung vergleichbar ist. Die Kantone schliessen mit Rettungsdiensten ihrer Wahl Leistungsverträge ab und zahlen diesen Betriebsbeiträge. Daneben verrechnen die Rettungsdienste die erbrachten Leistungen den Verursachern gemäss Tarifvertrag von Santésuisse. In Solothurn ist der Rettungsdienst soH der einzige Vertragspartner des Kantons und hat mit diversen benachbarten Rettungsdiensten Leistungsvereinbarungen abgeschlossen. Dazu gehört der Rettungsdienst Grenchen, der gegenwärtig die Notfallversorgung für 37 000 Personen sicherstellt, davon ca. 8450 in fünf Gemeinden im Kanton Bern.

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