Biel
Spitalzentrum Biel: «Gewappnet für eine grössere Epidemie»

Im Spitalzentrum Biel liegen aktuell vier Patienten mit einer bestätigten Covid-19-Erkrankung – eine Frau ist in kritischem Zustand. An einer Medienkonferenz orientierten die Verantwortlichen über getroffene Massnahmen und Erwartungen im Zusammenhang mit der sich ausbreitenden Epidemie.

Oliver Menge
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Medieninformation am Spitalzentrum Biel: Ein Schild beim Haupteingang weist Patienten mit Coronaverdacht den Weg zur Notfallstation, wo sie gesondert empfangen werden

Medieninformation am Spitalzentrum Biel: Ein Schild beim Haupteingang weist Patienten mit Coronaverdacht den Weg zur Notfallstation, wo sie gesondert empfangen werden

Oliver Menge

Vor einer Woche hatte das Spitalzentrum Biel (SZB) als erstes Spital des Kantons Bern eine Patientin mit einer bestätigten Covid-19-Erkrankung aufgenommen. Inzwischen sind vier Patientinnen und Patienten hospitalisiert, zwei bis drei weitere bestätigte Fälle ohne schwerwiegende Symptome würden zu Hause isoliert und dort betreut. Einer der vier Patienten im Spital ist in kritischem Zustand. Es handle sich um eine Frau im mittleren Alter ohne nennenswerte Vorerkrankungen oder chronische Erkrankungen, die auf der Intensivstation betreut werde. Eine erste Patientin habe man bereits nach Hause entlassen können. Der letzte Patient, der ins SZB eingeliefert wurde, habe sich in der Schweiz angesteckt.

Das Spitalzentrum Biel hatte am Freitagmorgen zu einer kurzfristigen Medienorientierung eingeladen. Spitaldirektor Kristian Schneider und Dr. med. Urs Führer, leitender Arzt Infektiologie und Spitalhygiene, informierten über die Massnahmen, welche das Spitalzentrum als öffentliches Zentrumsspital für die Region Biel Seeland und Berner Jura im Zusammenhang mit der aktuellen Corona-Virus-Epidemie ergreifen muss.

Spitalzentrum Biel: Medieninfo zur Corona-Epidemie Dr.med Urs Führer, leitender Arzt für Infektiologie und Spitalhygiene und Kristian Schneider, Spitaldirektor.

Spitalzentrum Biel: Medieninfo zur Corona-Epidemie Dr.med Urs Führer, leitender Arzt für Infektiologie und Spitalhygiene und Kristian Schneider, Spitaldirektor.

Oliver Menge

Bittere Realität und grosse Herausforderung

Das Corona-Virus sei eine Realität in der Schweiz, sagte Spitaldirektor Kristian Schneider, und stelle auch für das SZB eine besondere Herausforderung dar. Alle 1450 Mitarbeitenden des Spitalzentrums seien gefordert. Vor eineinhalb Wochen habe man sich intern bereits dazu entschieden, ein Dispositiv für besondere Lagen aufzuziehen. Ein Führungsstab bestehend aus 15 Profis aus allen Bereichen – das SZB verfügt unter anderem über drei erfahrene Fachärzte für Infektiologie – trifft sich täglich, auch am Wochenende, und beschliesse die der aktuellen Lage angepassten Massnahmen. Man stehe dabei in engem Kontakt mit den kantonalen Behörden.

Seit der Aufnahme des ersten Patienten mit einer Covid-19-Erkrankung arbeite das Akutspital entschlossen an den Vorbereitungen für eine Zunahme des entsprechenden Versorgungsbedarfs in der Region. Es gehe darum, Vorkehrungen zu treffen, um für die verschiedensten Eventualitäten gerüstet zu sein. So wurden beispielsweise zusätzliche Bettenkapazitäten für 12 weitere Patientinnen und Patienten auf einer räumlich getrennten Bettenstation freigeschaufelt. Mit Blick auf die zu erwartende Zunahme von Hospitalisierungen besonderer Risikogruppen – etwa älterer Patientinnen und Patienten mit erhöhtem Bedarf an intensivmedizinischer Versorgung, habe man Vorbereitungen getroffen, um bei Bedarf weitere Bettenkapazitäten schaffen zu können.

Zu den bestehenden zwei Unterdruckzimmern auf der Intensivstation kommen neu zwei auf der Kinderstation und zwei auf der normalen Station dazu. Das sei zwar laut den heutigen Erkenntnissen über das Virus, das über Tröpfchen und nicht über die Luft übertragen werde, nicht unbedingt zwingend, aber es gehe auch darum, die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor einer allfälligen Infektion zu schützen.

Manche Mitarbeitende arbeiten nur mit Maske

Apropos Mitarbeiter: Bei der Aufnahme eines Patienten, der an Covid-19 erkrankt war, seien 10 Mitarbeitende einer möglichen Kontamination ausgesetzt gewesen. Sie wurden zunächst zu Hause unter Quarantäne gesetzt, können aber jetzt wieder arbeiten, allerdings mit Maske und unter Auflage strenger Hygienevorschriften. Bei einem zweiten Fall kam es bei 15 Mitarbeitenden ebenfalls zu einer möglichen Infektion. Auch diese Mitarbeitenden arbeiten jetzt ständig mit Maske.

Neue Aufnahmestation für Verdachtsfälle

Seit Anfang Woche werden Personen, welche mit grippeähnlichen Symptomen das Spital aufsuchen, auf einem ausgeschilderten Weg in eine abgesonderte Abteilung der Notfallstation geleitet, wo sie von speziell geschultem und geschütztem Personal untersucht werden. Dafür musste in dieser Abteilung auch das Personal aufgestockt werden, erklärt Schneider. Denn der «normale» Betrieb laufe ja nebenher weiter. «Nicht einmal ein halbes Prozent unserer Patienten ist wegen des Corona-Virus in Behandlung. 99,5 % oder mehr sind wegen schwerer Krankheiten oder Unfällen hier, oder müssen operiert werden.» Es sei zwingend, diese Versorgung auch künftig zu gewährleisten.

Schild weist den Weg für Verdachtsfälle

Schild weist den Weg für Verdachtsfälle

Oliver Menge

Man habe sowohl intern die Schulung des Personals intensiviert – insbesondere derjenigen Personen, die keine Tätigkeit in der Krankenpflege ausübten, wie Verwaltung, IT, Restaurant etc. – als auch gewisse Abläufe mit der Spitex klargestellt. Denn die Fachleute rechnen mit einer Zunahme von Covid-19 Erkrankungen, von denen man einen Teil ambulant behandeln werden müsse. Sollten solche Personen bei sich zu Hause Pflege benötigen, sei die Spitex gefordert.

Man weiss wenig über das Virus


Bis heute kennt man sieben verschiedene Typen von Coronaviren. Das bekannteste ist das Sars-CoV-Virus, das bei der Sars-Pandemie 2002/03 gegen 800 Todesopfer forderte. Das Mers-CoV-Virus wurde 2012 erstmals diagnostiziert und war in der Verbreitung mehrheitlich auf die arabische Halbinsel beschränkt. Über das sich aktuell verbreitende Virus Sars CoV-2 wisse man noch sehr wenig, erklärt Dr. med. Urs Führer, leitender Arzt Infektiologie und Spitalhygiene am SZB.

An Covid-19 erkrankte Personen, so der wissenschaftliche Name der Krankheit, werden bei starken Beschwerden künstlich beatmet. Eine wirksame Medikation sei noch nicht vorhanden, sagt Führer (vgl. auch Artikel in der gestrigen Ausgabe).
Von den bisher bekannten Coronaviren weiss man, dass sie unter günstigen Bedingungen – kalt und feucht – auf glatten Oberflächen bis zu 9 Tage überleben können. Allerdings reiche Desinfektionsmittel, um sie abzutöten. In trockenen und heissen Umgebungen überlebe das Virus nicht lange.

Wie die Daten aus China und Italien zeigten, seien besonders ältere Menschen gefährdet, ernsthaft zu erkranken. Angesprochen auf die Schulschliessungen in Italien, wo das Gesundheitssystem die Kapazitätsgrenze erreicht hat, lässt Führer durchblicken, dass man damit rechnen müsse, auch bei uns in nicht allzu ferner Zeit solch drastische Massnahmen zu erleben.

Die Kita-Zeiten würden ausgeweitet, da das Personal aktuell Überstunden leisten müsse. Man habe auch eine Hotline eingerichtet, um die Stationen von Anrufen zu entlasten, die Fragen zum Corona-Virus haben. Die Hotline wird von pensionierten, ehemaligen Mitarbeitenden des SZB, unter anderem auch Ärzte und Professoren, betreut.

Etwas Sorge bereitet der Nachschub an Schutzmaterial – Masken und sonstige Schutzausrüstung für das medizinische Personal, von dem man aktuell noch genügend vorrätig habe. Von der Kantonsapotheke würde das Material «tröpfchenweise» im SZB eintreffen.
Aber da in der Schweiz keine Masken produziert werden und man auf Import aus Ländern angewiesen sei, die selber zum Teil einen Ausfuhrstopp verordnet haben, könnte der Nachschub schwierig werden.

«Wir müssen Tag für Tag nehmen und verlassen uns auf die Informationen des BAG. Oberstes Ziel ist, die Epidemie zu verlangsamen», sagte Schneider.
Man dürfe die Krankheit nicht verharmlosen. Denn eine Todesrate von 2 bis 3% sei hoch. Und doch müssten die getroffenen Massnahmen verhältnismässig sein. Momentan seien sie seiner Meinung nach adäquat und man sei für verschiedene Szenarien bereit.