Beim Eingang hält ein Mädchen eine Leine in der Hand. Es führt seinen Hund im Kindergarten Hohlen spazieren. Der Hund ist nicht einfach irgendein Hund, sondern ein echter Polizeihund. Das haben die beiden Mädchen so beschlossen – dasjenige, das die Leine hält, und dasjenige, das den Hund spielt. Im grossen Raum des Kindergartens haben ein paar Buben aus Tischen, Stühlen und Matten ein Haus gebaut. Bis ihnen das Haus verleidet ist und sie daraus eine Art Hindernisparcours bauen. Und weil auch das irgendwie nicht funktioniert, erfinden sie auf die Schnelle ein Spiel: Wer von den Buben kann den Plastikbecher am besten auf die andere Seite des Tisches pusten?

In der Ecke des Raums führt eine Treppe hoch zu einer kleinen Plattform mit Geländer. Mit Seilen und Brettern haben die Mädchen und Buben «Ritigampfis» geknüpft, die am Geländer befestigt sind. Die Treppe wird durch ausgelegte Matten zur improvisierten Rutsche. Zwei Buben benutzen ein Brett, an dessen Seiten Schnüre befestigt sind, als Lastenaufzug, um «Waren» hoch zur Plattform zu ziehen.

An der Wand haben sich ein paar Mädchen mithilfe einer Matratze und Tüchern ein heimeliges Refugium geschaffen. Ein paar zusammengestellte Stühle bilden ein Auto, das eine Panne hat. Es hat einen Platten, man muss den Reifen wechseln. Eine Kartonrolle dient dabei als Reifen.

Spielsachen wurden verstaut

Im Kindergarten Hohlen fehlen die Dinge, mit denen die Kinder normalerweise spielen. Alle vorfabrizierten Spielsachen – Puppen, Spielzeugautos, Bastelzeugs, Papier und Stifte und vieles mehr, wurden nach den Sportferien von den beiden Kindergärtnerinnen Iris Trummer und Judith Loretz gemeinsam mit den Kindern im Keller verstaut. Übrig blieben Alltagsgegenstände, wie Stühle, Tische, Tücher, Kartonrollen und leere Kabelrollen, Kisten, runde Kartonfässer, Seile, Bretter und Küchenutensilien. Das sind jetzt die Dinge, mit denen die Kinder spielen. Dinge, die in ihrer Fantasie eine andere Funktion erhalten: Ein gewöhnliches Holzbrett kann genauso gut ein Tablet darstellen wie auch ein Buch oder eben als Lift dienen. Dinge, mit denen man Geschichten erzählen und erleben kann. Das tun nicht etwa die Kindergärtnerinnen für die Kinder, sondern die Kinder entscheiden selber, was sie mit den Gegenständen machen wollen. So funktioniert das Konzept «Spielzeugfreier Kindergarten». Ein Projekt, das im Kindergarten Hohlen – als einzigem Kindergarten der Stadt Grenchen – jetzt schon zum dritten Mal mit grossem Erfolg durchgeführt wird. Begleitet wird das Projekt dabei von der «Perspektive» Solothurn. Hauptziel des spielzeugfreien Kindergartens: Kinder sollen in einer unstrukturierten Umgebung selber einen Weg aus der Langeweile finden und vermehrt miteinander kommunizieren.

«Die Kinder lernen ihre persönlichen Bedürfnisse auf diese Weise besser kennen», erklärt Iris Trummer. Viele seien am Anfang etwas verloren, weil ihnen der Rahmen von vorbereiteten Schemata, in denen sie sich normalerweise bewegen, fehlt. «Als wir die Spielsachen wegräumten, sagten fünf der Kinder, das sei gar nicht möglich, so lange ohne Spielsachen auszukommen.» Eine davon war die fünfjährige Noelia, die sich vehement dagegen wehrte. Jetzt, nach über zwei Monaten, findet sie den Chindsgi ohne Spielzeug aber toll und möchte am liebsten so weiterfahren. Auch der fünfjährige Livian vermisst die Spielsachen nicht. Er baut leidenschaftlich gerne Häuser und Burgen aus dem zur Verfügung stehenden Material.

Es gibt Regeln

Ganz ohne Regeln funktioniert es nicht: Haben Kinder untereinander Stress, müssen sie die Probleme selber lösen. Das gelinge auch in den allermeisten Fällen, sagt Judith Loretz. «Gelingt es ihnen nicht, den Konflikt selber zu lösen, kann sich ein Kind auf den blauen Stuhl setzen und die Glocke läuten. Dann kommen alle zusammen und das Problem wird so lange besprochen, bis wir eine Lösung haben.» Ansonsten sind die beiden Lehrpersonen von der «üblichen» Lehrtätigkeit entbunden. «Unsere Aufgabe ist es, die Kinder nicht anzuleiten, sondern zu begleiten. Wir versuchen, sie mit Fragen in die richtige Richtung zu lenken.» Und dennoch seien sie stark gefordert: Einerseits als Beobachter und Ansprechpersonen, andererseits müssen sie auch darauf achten, dass die Sicherheit immer gewährleistet ist und die Kinder in ihrem Übermut sich nicht verletzen. Beispielsweise dafür sorgen, dass Matten unter den Schaukeln liegen und Bockleitern so aufgestellt sind, dass sie nicht umfallen können.

Vor allem den Lärm müsse man aushalten können, sagt Iris Trummer. Denn die Kinder kommunizieren untereinander nicht immer leise, der Lärmpegel könne schon sehr ansteigen. «Und plötzlich ist es dann wieder ganz ruhig, und niemand weiss warum.» Auch die Gruppendynamik sei von Tag zu Tag verschieden: «Manchmal bilden sie mit Tüchern ein Feuer nach, dann spielen sie Feuerwehr und alle Kinder machen bei dem Spiel mit. Oder dann bilden sich kleinere Grüppchen, die für sich etwas machen.»

Eltern wurden mit einbezogen

Das Projekt wurde den Eltern an einem Info-Abend von den beiden Kindergärtnerinnen und Ueli Imhof von der «Perspektive» vorgestellt. Die Eltern konnten dann darüber entscheiden, ob man das Projekt durchführen will oder nicht. Eine Mehrheit sprach sich dafür aus, und die anfängliche Skepsis, ob ihre Kinder jetzt ausreichend auf die Schule vorbereitet würden, verflog rasch. «Weil die Kinder selber entscheiden können, ihre Fantasie gefördert wird und sie gemeinsam ihre Probleme untereinander lösen und diskutieren, gewinnen sie enorm an Selbstvertrauen. Wenn ein Kind diesen Boden hat, wird es die Anforderungen der Schule besser bewältigen», ist Iris Trummer überzeugt. Bis jetzt seien auch alle Rückmeldungen von Eltern positiv gewesen. Ihr Kind spiele ganz anders, fantasievoller, sei oft zu hören gewesen.

Die Eltern erhalten in diesen Tagen einen Fragebogen, der später ausgewertet wird. An einem Abschlussabend werden dann die Resultate mit den Eltern besprochen und ein Fazit gezogen.