Martina Kohler Lang betreibt zusammen mit ihrem Mann Mirko Lang seit rund sechseinhalb Jahren die Soziale Tagesstätte ProMensch in Bettlach. Sie bietet IV- oder Sozialhilfebezügern die Möglichkeit, einer betreuten, sinnvollen Tagesgestaltung nachzugehen, zusammen Dinge zu unternehmen, zu basteln, reden, spielen und zu lernen.

Ende Juli ist nun Schluss, die GmbH wird aufgelöst, ProMensch schliesst die Türen endgültig. Martina Kohler Lang macht keinen Hehl daraus, dass ihr der Entscheid nicht leicht gefallen sei. Aber letztlich seien die administrativen Anforderungen, die man neuerdings erfüllen müsse, derart umfassend geworden, dass es nicht mehr möglich sei, mit den bestehenden Strukturen die eigentliche Idee umzusetzen: Die Menschen in den Mittelpunkt zu setzen, sich in erster Linie um die Klienten zu kümmern und diesen einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich wohlfühlen können.

Wer zahlt, befiehlt

Der Betrieb, der keiner Organisation angeschlossen ist und der auch keine Spendengelder oder Gelder von Stiftungen erhält, wird zu hundert Prozent vom Kanton finanziert. Dieser erteilt auch die entsprechenden Bewilligungen. Die Tarife sind fix: Pro Klient, der die Tagesstätte zu hundert Prozent nutzt, bezahlt der Kanton 85 Franken pro Tag, maximal 2585 Franken im Monat. Sozialhilfebezüger werden mit den jeweiligen Sozialämtern abgerechnet.

Zwei Jahre lang wurde der Betrieb in einer Pilotphase geführt, danach erhielt Martina Kohler Lang, diplomierte Pflegefachfrau HF mit einer Weiterbildung in Teamleitung, eine Bewilligung für vier Jahre bis Dezember 2016. Bewilligt wurden vom Amt für soziale Sicherheit ASO 15 Plätze. Der Betrieb ist zu klein, um unter die interkantonale Vereinbarung für soziale Einrichtungen IVSE zu fallen. 18 Plätze sind dafür das Minimum.

Für IVSE-Betriebe gelten andere Bestimmungen, insbesondere was die Qualifikation der Leitung betrifft. Eine Ausbildung in Betriebswirtschaft beispielsweise wird dort vorausgesetzt, im Gegensatz zu Nicht-IVSE-Betrieben. Auch sind die Entschädigungen pro Klient nach Hilfsbedarfsgruppe und Institution aufgeteilt und fallen im Schnitt höher aus. Aber: Eine Vergrösserung der Tagesstätte ProMensch oder eine Erhöhung der Platzzahl stand in der ganzen Zeit für beide Seiten nie zur Diskussion, sagt Martina Kohler Lang.

Nichtsdestotrotz: In den sechs Jahren musste die Geschäftsführerin nicht nur jährlich einen Jahresbericht abliefern, sondern auch über alle Details, Prozesse und Konzepte schriftlich Rechenschaft ablegen. Sie wurde zudem mehrmals vom zuständigen Fachstellenleiter «soziale Organisationen» beim ASO und dessen Mitarbeitern besucht und überprüft. Beanstandet habe man nichts bei diesen Besuchen und auch ihre Unterlagen und Berichte seien zur Zufriedenheit der Zuständigen ausgefallen, sagt Kohler Lang.

Erstaunen beim Amt für soziale Sicherheit

Claudia Hänzi, Chefin des Amtes für Soziale Sicherheit, kann auf Anfrage weder Details zur Tagesstätte ProMensch noch zum Verfahren oder den geführten Gesprächen und gefällten Beschlüssen preisgeben.

«Es ist mir aber wichtig, zu betonen, dass es seit 2012 keinerlei Verschärfung der Auflagen gegeben hat. Wir fanden, die Institution ProMensch sei eine kleine, aber feine Sache und sind sehr erstaunt über den Entscheid von Frau Kohler Lang, nun zu schliessen. Die Bewilligung für weitere sechs Jahre lag intern eigentlich schon vor und wäre der Institution erteilt worden.» Wie bei jeder solchen oder ähnlichen Institution habe es Entwicklungsschritte gegeben, die noch zu machen waren, Dinge, die verbessert werden mussten.

«Wir haben immer klar umrissen, wo noch eine Entwicklung stattfinden muss. Und wenn die Kommunikation mit einem Mitarbeitenden des ASO nicht zur Zufriedenheit ausfällt, gäbe es immer noch die Gelegenheit, mit einer höheren Instanz das Gespräch zu suchen. Es gab auch schon Fälle, in denen der Regierungsrat persönlich angeschrieben wurde», so Hänzi.

Sie schätze, diese Schwierigkeiten, die da offenbar aufgetreten waren, hätte man in einem Gespräch ausräumen können, und die Gründe für die Schliessung lägen woanders. Einen solchen Betrieb zu führen, das bedeute harte Arbeit und eine grosse Belastung. Es sei nicht damit gemacht, einfach ein gutes Angebot für die Besucher der Tagesstätte zu führen.

Wie bei jedem Unternehmen falle neben dem Tagesgeschäft auch einiges an Administration und Geschäftsverwaltung an, die genau so professionell geleistet werden müsse. Dies werde oft unterschätzt und werde ohne den Aufbau guter Strukturen schnell zur Überbelastung. Gerade kleine, familiär geführte Betriebe seien hier gefährdet. Deshalb sei es wichtig, dass sich diese beraten lassen und sich gut, auch mit Partnerinstitutionen, vernetzen. (om)

Nun stand eine erneute Bewilligung, diesmal für die nächsten sechs Jahre an. Zu einem Augenschein in der Tagesstätte erschien im Oktober 2016 eine dreiköpfige Delegation aus Solothurn: Die neue Fachstellenleiterin Katharina Ryser wurde von einer Lernenden begleitet sowie von einem Fachexperten, mit dem in der Folge hauptsächlich telefonisch kommuniziert wurde. Im Gespräch sei rasch klar geworden, dass nun ein anderer Wind wehe und vieles von dem, was bisher für in Ordnung befunden wurde, den Anforderungen nicht mehr genügte (siehe Textbox links).

«Ich habe gefragt, ob ich dazu auch etwas Schriftliches erhalte, und weil das verneint wurde, begann ich, die Punkte selber aufzuschreiben, die verbessert werden sollten.» Ein Grossteil der beanstandeten Mängel – rund dreissig an der Zahl – habe die fehlende Dokumentation der ausgeführten Tätigkeiten betroffen. «Man hat mir beispielsweise gesagt ‹das und das machen Sie gut, aber Sie müssen das aufschreiben, sonst gilt es nicht›».

Auch die Qualität der geleisteten Arbeit sei angezweifelt worden, die Räumlichkeiten als renovationsbedürftig bezeichnet, die Qualifizierung der Leiterin und der Mitarbeitenden infrage gestellt worden. Man habe ihr geraten, das Mietverhältnis aufzulösen und sich nach einem Kaufobjekt umzusehen – oder sich einer grösseren Institution anzuschliessen.
Private Situation angesprochen

«Am meisten hat mich allerdings gestört, dass diese Leute meine private Situation ins Spiel gebracht haben.» Ehemann Mirko Lang ist seit einem Motorradunfall vor zwei Jahren im Rollstuhl und kann nur noch beschränkt im Betrieb mithelfen. Dass dieser Unfall auch Auswirkungen auf die familiäre Situation gehabt habe, sei ja klar, aber der Betrieb der Tagesstätte ProMensch habe darunter nicht gelitten, weil ihre Familie eingesprungen sei und seither tatkräftig mithelfe, sagt Martina Kohler Lang. «Ich hatte aber eher das Gefühl, als belächle man diesen ‹kleinen Familienbetrieb› und unterstellte uns, das Private nicht von der Arbeit trennen zu können, geschweige denn, diese zu bewältigen.»
Was danach folgte, sei eine eher chaotische Abfolge von unterschiedlichen Fristsetzungen gewesen, in der die überarbeiteten Unterlagen einzureichen seien. Ein Bericht zu den Mängeln sei in Aussicht gestellt, aber erst Monate später versandt worden. Missverständliche Angaben über mögliche Fristverlängerungen für eine provisorische Betriebsbewilligung seien erfolgt, meist telefonisch. Sie habe laufend versucht, die Dinge abzuarbeiten, wie es verlangt wurde, so Kohler Lang, aber man habe sie nicht ernst genommen. Noch im Dezember habe sie diverse Unterlagen, wie zum Beispiel das 20-seitige Hygiene-Konzept und das 9-seitige Sicherheitskonzept eingesandt, die sie zusammen mit externen Fachpersonen, unter anderem einem ISO-Zertifizierungsspezialisten und Betriebswirtschafter, überarbeitet habe, so Kohler Lang. Mit dem Vermerk, das Layout sei noch nicht erstellt, also die Darstellung noch nicht ausgefeilt und fertiggestellt, der Inhalt jedoch sei da und gelte. «Am Telefon wurde mir mitgeteilt, das genüge aber noch gar nicht, ‹da gehen wir dann gemeinsam nochmals mit dem Rotstift drüber›.» Sie solle sich doch Hilfe von aussen holen, weil sie offenbar nicht in der Lage sei, das selber zu bewältigen. Die bisher gelieferten Unterlagen seien weder genügend noch professionell und Frau Kohler solle doch bei anderen Institutionen «Werkspionage» machen.
Anfang März schliesslich erhielt die Tagesstätte eine provisorische Pilotbetriebsbewilligung bis zum 31. Juli 2017. In einem neuerlichen Gespräch sollte das weitere Vorgehen besprochen werden. Doch dazu wird es nicht kommen. Martina Kohler Lang hat den Entscheid zur Schliessung gefällt.