Religion

So wird aus Toleranz plötzlich Sympathie

So wird aus Toleranz plötzlich Sympathie

So wird aus Toleranz plötzlich Sympathie

Die lange Nacht der Religionen: Acht verschiedene Gemeinschaften öffneten ihre Türen für alle interessierten Gläubigen.

Was im Grossen so schwierig erscheint, gelingt im Kleinen: die freundschaftliche, ja herzliche Begegnung verschiedener Glaubensrichtungen. Acht verschiedene Religionsgemeinschaften öffneten am Samstag in Grenchen ihre Türen. Aber nicht nur die Türen: Auch mit offenen Herzen begegneten sich Muslime, Katholiken, Freikirchen, Hindus, Christkatholiken, Orthodoxe und Reformierte.

Den Auftakt machte die christkatholische Kirche, indem ihr Vikar Peter Jan Vins die Unterschiede zu der katholischen Kirche erklärte und darüber sprach, warum die Christkatholiken den Papst und dessen Dogmen nicht als unfehlbar akzeptieren. Danach zeigte Pfarrer Kerim Asmar, wie die syrisch-orthodoxe Kirche von Antiochien mit ihren traditionell bestickten Gewändern und mit Weihrauch eine Messe zelebriert.

Nur Katholiken beten zu Heiligen

Nach einem Orgelkonzert und einer Besichtigung der Kirche sprach Vikar Roman Wermuth von der Pfarrei St. Eusebius über die Geschichte der Katholiken und zeigte auf, dass auch sie damals beim Kirchenbau auf Fronarbeit und Spenden aus dem Volk angewesen war, ähnlich, wie dies heute die kleinen Glaubensgemeinschaften der ausländischen Bevölkerung erleben. Mit dem «Ave Maria» wurde danach der grösste Unterschied zu den anderen Glaubensgemeinschaften deutlich: Nur die Katholiken beten zu den Heiligen.

Von der tamilischen Gemeinschaft erfuhr man, dass sie der Glaubensrichtung mit dem Hauptgott Shiva angehören, während die Inder mehrheitlich Vishnus sind. Der Grenchner Hindu-Tempel ist der Frau Shivas geweiht, der Göttin Durga. Und man lernte, dass die Tamilen ein grosses Herz haben: Ein Hindu bittet den Boden und seine kleinsten Lebewesen um Verzeihung, wenn er auf sie tritt. Imam Said Abazi von der Albanisch-Islamischen Gesellschaft zitierte auf Arabisch aus dem Koran, den er nicht nur intensiv studiert, sondern gar auswendig gelernt hat. Bei der nachfolgenden Interpretation wurden die Parallelen zum Christentum ersichtlich. Der Imam hatte von der Allmacht Gottes gesprochen, genauso, wie dies auch ein katholischer Pfarrer manchmal tut.

Jesus im Zentrum

Der grösste Unterschied zum Christentum wurde beim nächsten Halt offensichtlich: Während im Islam Jesus nur einer von vielen Propheten ist, steht er bei der Evangelisch-methodistischen Kirche im Zentrum des Glaubens. Die Methodisten wollen nicht nur eine religiöse Gemeinschaft sein, sondern auch eng vernetzt zusammenleben. «Jesus soll durch unsere Gemeinschaft in den Alltag einfliessen», erklärte Gemeindeleiter Hans Eschler, «bei uns sollen Menschen Geborgenheit und Unterstützung finden, die es im Leben nicht leicht haben.»

Eine tiefe Beziehung zu Jesus strebt auch die «Bewegung Plus» an, eine weitere evangelische Freikirche in Grenchen. Hier wird der Gottesdienst zum lebensfrohen Popkonzert; Daniel Zwahlen ist nicht nur Pastor, er ist auch ein Entertainer.

Der Abschluss des Abends erfolgte in der evangelisch-reformierten Kirche. Pfarrerin Christine Dietrich war die einzige Frau unter den religiösen Führern des Abends, und so hob sie den Stellenwert der Frau in der reformierten Kirche heraus. Ihre Ansprache hielt sie von der Kanzel herab, was einen interessanten Kontrast zu den fast partymässigen Vorstellungen der beiden Freikirchen bildete. Einen Höhepunkt bildete das Orgelkonzert. Besonders die muslimischen Albaner waren fasziniert, als ihnen Erich Nünlist die Orgel bis ins Detail erklärte – denn in einer Moschee sind keine Instrumente zu hören.

«Diese religiöse Vielfalt ist fantastisch», sagte Gertrud Christen, die seit vielen Jahren in Grenchen Deutsch an ausländische Frauen unterrichtet. «Wenn man sich so kennen lernt, dann gibt es viel weniger Konflikte.»

«Es war eine sehr offene Begegnung zwischen den Religionen», zog die Koordinatorin des Anlasses, Elisabeth Egli, Präsidentin von «Granges Mélanges», ihr Fazit. «Ich fand es wunderbar, dass die Offenheit gegenseitig war. Nicht nur die Christen interessierten sich für die so genannt exotischen Religionen. Auch die Muslime und Hindus wollten mehr über die christlichen Zeremonien wissen.»

Und so wurde bei der abschliessenden Suppe im Zwinglihaus aus der religiösen Toleranz sogar Sympathie zwischen sehr unterschiedlichen Grenchnern.

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