Kindheitserinnerung

So lebte man in Büren von 1938 bis 1945

Ausschnitte aus Martin Stotzers Buch: Luftschutzsoldaten auf dem Beobachtungsposten Bellevue sowie Lebensmittelkarten.zvg

Ausschnitte aus Martin Stotzers Buch: Luftschutzsoldaten auf dem Beobachtungsposten Bellevue sowie Lebensmittelkarten.zvg

Der Bürener Martin Stotzer (*1934) hat ein Buch geschrieben, in dem er - meist aus seiner eigener Kindheitserinnerung - von der Zeit des Zweiten Weltkrieges in der Seeländer Kleinstadt berichtet. Eine Lokalgeschichte, die das damalige Leben in der Schweiz illustriert.

Büren an der Aare und seine Zeit während des Zweiten Weltkrieges wird meist mit dem Internierungslager «Häftli», welches in jener Zeit in der Seeländer Gemeinde angesiedelt war, in Verbindung gebracht. Über dieses Bürener Kapitel wurde schon ausreichend geforscht und geschrieben. Im soeben erschienenen Buch von Martin Stotzer «… und draussen herrschte Krieg» ist dieses Kapitel nur eines unter vielen.

Stotzer schreibt über die Zeit während des Zweiten Weltkrieges völlig aus der Sicht des einheimischen Büreners; vielfach auch aus der Perspektive des jungen, fast noch kindlichen Einwohners. In seinem Buch gibt es viele persönlich gefärbte Anekdoten aus jener Zeit zu lesen; zuerst seine Erinnerungen an internierte Polen oder Italiener, über den Einzug jüdischer Flüchtlinge ins Lager, oder dann von den Russen und Kaukasiern. Diese Schilderungen hat der Autor an den Anfang des Buches gestellt.

Dann aber werden Erinnerungen über alltägliche Ereignisse, Beschwernisse, aber auch die Vergnügungen zwischen 1938 und 1945 lebendig. Stotzer beschreibt, wie die Ortswehr oder die Luftschutzorganisationen ins Leben gerufen wurden; er dokumentiert Verdunkelungsprotokolle oder schreibt von Erfahrungen aus dem Schutzraum. Dem Thema Frontismus und Anpassung ist ebenfalls ein Kapitel gewidmet.

Die Sorgen des Alltags

Der Autor beschreibt, was den Alltag des Seeländers damals beschäftigte: Rationierung von Lebensmitteln, Lebensmittelkarten und den Umgang damit. Der «Plan Wahlen» und seine Bedeutung für Büren. Aus heutiger Sicht witzig sind die eingeschobenen Anekdoten, beispielsweise über das Maikäfersammeln (6 Liter pro Familie), oder über den Zahnarzt, der sich seine Rechnung per Eier bezahlen liess. Zu erfahren ist, dass die Bevölkerung von Rationierungen der Benzinlieferungen und des Kautschuks besonders betroffen war. Einen Veloschlauch zu ergattern, gehörte damals zu den Highlights des Alltags.

Besonders achtet der Autor immer wieder auf die mannigfaltige Arbeit der Frauen und Hausfrauen in jener Zeit. Ohne das Anlegen von Notvorräten, dem geschicktem Umgang mit den Lebensmittelkarten oder einem klugen Kochen von abwechslungsreicher Kost hätte die Schweiz die schlimme Kriegszeit – obwohl Insel des Friedens – nicht so gut überstanden, meint der Autor.

Die junge Hausfrau sollte wissen ...

Dabei sei man damals noch weit weg von Gleichberechtigung und gar Frauenstimmrecht gewesen. Um die damalige Haltung den Frauen gegenüber zu illustrieren, wird eine To-do-Liste für die junge Hausfrau anno 1945 abgedruckt. Darunter sind so sinnvolle Ratschläge zu finden wie der folgende: «Junge Hausfrauen sollten wissen, dass (…) man den Mann nur dann beim Lesen stören darf, wenn es absolut unumgänglich ist.»

Im Buch zu entdecken ist eine Vielzahl von aussagekräftigen Fotos von Personen und der Landschaft aus jener Zeit, aber auch von Dokumenten aus Zeitungen oder Briefen.

So ist dieses Buch ein Stück Stadt-Geschichte von Büren an der Aare geworden, aber auch ein Beispiel dafür, wie die Schweizerische Gesellschaft während der Kriegszeit funktionierte und welche Werte sie vertrat. Und es kann auch als ein Stück Emanzipationsgeschichte der Schweizer Frauen der Aktivdienstgeneration angesehen werden.

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