Galeristin Trudi Lädrach von der Artis-Galerie und der Schnottwiler Künstler Marc Reist haben letzten Freitag zu einem Abend mit dem Künstler eingeladen. Nach einem Apéro in der Artis-Galerie, empfing der Künstler rund 60 Interessierte im Restaurant Il Grano. Reist referierte über sein neustes Projekt «Globo Uovo», das globale Ei. Der Künstler beschäftigt sich schon länger mit dem Thema Nahrung und dem achtsamen Umgang damit.

Ausgehend von der Vorstellung, dass sich aus der Erde, auf der wir leben und die uns ernährt, ein Ei formiert, sozusagen als Ursprung des Lebens, als kleinste Einheit und wichtiges Nahrungsmittel, verzog er die Planetenkugel zu einer Ei-Form, übernahm Längen- und Breitengrade des Globus und fand so die finale Form des globalen Eis. Die Skulptur aus einem Stück wird etwas mehr als drei Meter lang und zwei Meter hoch.

Als Material kam für Reist nur Marmor infrage, welcher wie Eierschalen aus Calcit besteht. Reist fand in den Steinbrüchen von Carrara den Ort, an dem der Berg einen so grossen Marmorblock hergibt. Der ursprünglich 55-Tonnen schwere Marmorblock wird Anfang März nach Schnottwil gebracht, wo Reist die Skulptur fertigstellt.

Zu Besuch in der Ausstellung von Marc Reist in der ARTis Galerie in Büren

Von der Ästhetik und der Ethik

«Kunst hat die Aufgabe, an die Gesellschaft heranzutreten. Nicht provokativ. Aber sie soll ein Fenster öffnen für eine neue Sichtweise», so Reist. «Wir könnten alle Menschen auf dieser Welt ernähren, und doch verhungert alle 5 Sekunden ein Kind.»

Er wolle mit seiner Skulptur zu einem Denkanstoss anregen. Nicht nur die Ästhetik, sondern die Ethik müsse wichtiger werden. «Genuss ist nicht dekadent, er kann aus Wertschätzung heraus entstehen», so Reist. Seine Skulptur solle «Denkkost auf der Tafel der Ethik» sein.

In einem Podiumsgespräch diskutierten im Anschluss Bruno Morandi von der Prime Vision AG, René Bourquin, Leiter Marketing Food bei der Migros und Bio-Landwirt Hans-Ulrich Müller unter der Leitung von Simon Eberhard über die fehlende Wertschätzung im Umgang mit Nahrung. Fazit der Diskussion: Es handle sich um ein gesellschaftspolitisches Problem. Nahrung sei heutzutage viel zu billig.

Marc Reist, Bruno Morandi von Prime Vision AG, René Bourquin, Leiter Marketing Food, Migros,  Hans-Ulrich Müller, Bio-Landwirt, Trudi Lädrach von der ARTis Galerie und Moderator Simon Eberhard.

Uovo Globo Büren

Marc Reist, Bruno Morandi von Prime Vision AG, René Bourquin, Leiter Marketing Food, Migros,  Hans-Ulrich Müller, Bio-Landwirt, Trudi Lädrach von der ARTis Galerie und Moderator Simon Eberhard. 

Rund 7% aller Ausgaben gebe man dafür aus, im Gegensatz zu 35% vor 30 oder 40 Jahren. Es herrsche eine Geiz-ist-Geil-Mentalität. Für 80% der Kundschaft sei der Preis entscheidend bei der Wahl der Nahrungsmittel. Das habe auch Konsequenzen für die Bauern, die nichts mehr verdienen. Beispiel Rüebli: Von den 4.20 Fr., die ein Kilo im Migros in Bioqualität kosten, bleibt dem Produzenten gerademal 1.30 Fr. Dazu kommt, dass nur eine geringe Menge überhaupt den Qualitätsansprüchen der Zwischenhändler und Grossverteiler genügen, der Rest sei für die Kühe oder die Biogasanlage. Bei den Randen seien es sogar nur 80 Rappen.

Der Kunde wolle auch im Winter Erdbeeren kaufen. Da gebe es keinen Ausweg, meinte Bourquin. Er erinnerte an das Beispiel der Granny Smith Äpfel, welche die Migros vor Jahrzehnten aus politischen Gründen nicht imns Sortiment aufnahm. Bei der Kundschaft sei man auf wenig Verständnis gestossen, die sei zur Konkurrenz gegangen. Koste etwas zu viel, gehe die Kundschaft ins billigere Ausland und nehme die schlechtere Qualität in Kauf.

Bio-Bauer Müller brachte das Beispiel mit den Frühkartoffeln, die so begehrt seien. Die Grossverteiler führten sie schon im Sortiment, wenn hier noch lange nicht geerntet werde - obwohl die Kartoffelernte in der Schweiz in normalen Jahren eigentlich genügen würde, den gesamten Bedarf abzudecken. Diese Frühkartoffeln stammen aus Aegypten oder anderen Ländern im Nahen Osten, wo sie in Wüstengebieten gezogen werden. Für die Bewässerung werde fossiles Wasser hochgepumpt. Das lasse die Brunnen der Nomaden versiegen und entziehe den Leuten so ihre Lebensgrundlage. 

Auch der Umgang mit Essen sei achtlos.Viel werde weggeworfen. Zwar beteuerte Bourquin, dass in der Migros 98,7% aller Nahrungsmittel beim Konsumenten lande und nur 1,3% entsorgt werden müsse. Frischwaren wie Brot, Gemüse,Salate etc. werde an Institutionen wie Tischlein Deck Dich, Schweizer Tafeln oder ähnlich abgegeben, von wo sie  dann an Bedürftige weitergegeben werden. Aber die Podiumsteilnehmer waren sich einig, es sei schockierend, wie viele Nahrungsmittel einfach achtlos weggeworfen werde. Nahrungsmittel seien einfach zu billig. 

Biobauer Müller brachte es auf den Punkt: Im Grunde sei der achtsame Umgang mit Nahrung und die Wertschätzung von Nahrungsmitteln nichts anderes als eine Frage der Erziehung. Und Morandi rief auf zu Bescheidenheit und Vernunft. In anderen Ländern sei der Umgang mit Nahrungsmitteln wesentlich sorgsamer. Der stete Ruf nach wirtschaftlichem Wachstum sei das Problem, man müsse sich wirklich überlegen, ob es tatsächlich nötig sei, immer noch grösser, noch mehr, noch leistungsfähiger zu produzieren und zu konsumieren. 

Im Anschluss kamen die Anwesenden in den Genuss eines Abendessens - ganz im Zeichen des abendfüllenden Themas.