Stadtbummel Grenchen
Singen für die Einheit

Roger Rossier
Roger Rossier
Drucken
Teilen
Reden wir? Eine junge Frau in Madrid schien dafür zu sein.

Reden wir? Eine junge Frau in Madrid schien dafür zu sein.

EPA

Heute jährt sich der Geburtstag des früheren USA-Präsidenten Dwigth D. Eisenhower zum 127. Mal. Eines seiner berühmten Bonmots lautete: «Die Jagd nach dem Sündenbock ist die einfachste». Diese Aussage passt gut zur Frage, weshalb es mit unserem lebendigen Stadtzentrum nicht klappen will. Schon allein der Versuch, die Bettlach-strasse zu sperren, scheitert und löst eine Petition mit 750 Unterschriften aus. Blicken wir, geprägt von der Uhrmachermentalität, manchmal nicht zu wenig über das eigene Etabli d’horloger? Wie sieht es an anderen Orten aus?

Vor kurzem war ich in Madrid und überrascht, wie die Madrilenen mit den fast täglich stattfindenden Demonstrationen umgehen. Nacheinander, in kurzen Abständen, folgten sich an einem Wochenende mehrere Protestmärsche. So gingen tausende Taubstumme für ihre Anliegen auf die Strasse. Kurze Zeit später engagierten sich Frauen in einem langen Umzug für ihre Rechte. Nach einem weiteren Unterbruch sah man bunt gekleidete Arbeitnehmende, die sichere Renten forderten. Den grössten Demonstrationszug stellten die mit grossen Fahnen und mit in Nationalfarben leuchtenden Tüchern ausgerüsteten Gegner der Abspaltung Kataloniens, die sich laut singend für die Einheit ihres Landes stark machten. Die Polizei sperrte immer wieder die wichtigsten Strassen und Plätze Madrids ab. Auf diesen Abschnitten stand der Verkehr in der Millionenstadt jeweils für kurze Zeit still. Personenwagen, Taxis, Busse, Motorräder, Fussgänger, alle warteten geduldig, bis die Demonstrationszüge vorbei waren und die Polizei die Strassen und Plätze freigaben. Kein Hupen, kein Schimpfen, südländische Gelassenheit herrschte vor. Diese Besonnenheit wünschte ich mir von allen beteiligten Parteien auch bei der Belebung des Stadtzentrums. Flexible Lösungen, nicht nur für die Bettlachstrasse oder den Marktplatz, sind gefragt.

Ich überlege mir, wie verhielten wir uns, wenn sich einer unserer 26 Kantone von der Schweiz loslösen möchte? Gingen wir auch auf die Strasse und würden für die Einheit der Schweiz kämpfen? Als ich die Spanier stolz und inbrünstig ihre patriotischen Lieder singen hörte, kriegte ich Gänsehaut und sinnierte, was würden wir singen, wenn zum Beispiel Ostschweizer plötzlich den Freistaat Thurgau ausrufen sollten? Vermutlich würden wir nach dem Motto «Reisende soll man nicht aufhalten» die Thurgauer ziehen lassen, dessen Dialekt uns schon immer verdächtig vorkam. Und mit Liedern wie «Trittst im Morgenrot daher», «Alperose» oder «Schacher Seppli» liessen sich kaum Tausende zum Protestmarsch mobilisieren. Bin mir bewusst, unsere politischen Probleme lassen sich genau so wenig mit den Schwierigkeiten Spaniens vergleichen, wie die Bettlachstrasse oder der Marktplatz mit der Gran Via und Puerto del Sol Madrids. Trotzdem frage ich mich, weshalb fehlen uns die Emotionen auslösenden, rhythmischen, patriotischen Lieder? Liegt es daran, dass wir zwar in der Disziplin politische Anliegen vor allem mittels Petitionen (siehe Bettlachstrasse), Postulate und Initiativen zum Erfolg zu verhelfen, Weltmeister sind und dabei die Leidenschaft für das eigene Land, die eigene Stadt, schrittweise verloren haben?

Aktuelle Nachrichten