Frühmorgens kurz nach Sonnenaufgang und abends in der Dämmerung dasselbe Schauspiel: Dutzende, Hunderte Krähen versammeln sich zum gemeinsamen Rundflug. Zuvor versammeln sie sich auf Baukränen, hochgelegenen Dächern, wo sie sich viertelstundenlang lauthals «unterhalten», bevor sie zum gemeinsamen Flug aufbrechen. Am Abend suchen sie dann nach dem gemeinsamen Flugerlebnis ihre Schlafplätze auf, meist in hohen Bäumen, wo sie auch nisten.

Tagsüber sieht man die Rabenvögel selten bis nie in grossen Schwärmen. Die Weibchen bleiben oft im Nest und brüten ihre Eier aus. Die Männchen machen sich auf die Futtersuche – in Städten kann da oft auch ein zu früh rausgestellter Kehrichtsack für einen gedeckten Krähentisch sorgen. Die schlauen Vögel reissen die Plastiksäcke mit ihren scharfen Schnäbeln auf und klauben den Inhalt heraus.

In Grenchen haben sich mehrere Krähenkolonien niedergelassen. An der Bahnhofstrasse, vis-à-vis dem Hôtel de Ville, im Schildpark, sind die Tiere nicht besonders gerne gesehen. Schon im Dezember bezogen die Vögel die hohen Bäume und begannen, Nester zu bauen – so wie die letzten Jahre, nur würden es jedes Jahr mehr, meinen Anwohner. Seit Ende Februar haben sie Eier gelegt, inzwischen sind die ersten Jungvögel geschlüpft und bis Ende Juni sind die letzten flügge. Bis dahin sitzen sie im Nest, rufen mit ihren krächzenden Stimmen nach den Eltern und nach Futter. Haben sie dieses verdaut, wird einfach über den Nestrand gekotet, ohne Rücksicht auf das, was sich gerade darunter befindet – Autos, Passanten usw. Die älteren Tiere oder auch Jungtiere auf ihren ersten Ausflügen verkoten die Balkone in der Umgebung und hinterlassen eine grosse und ärgerliche Sauerei. Ganz zu schweigen vom Lärm, den eine solche Kolonie von sich geben kann. In den sozialen Medien ergehen sich die Benutzer in Diskussionen und Unmutsäusserungen. Die einen stören sich am Lärm, die anderen am Dreck und wieder andere haben den Eindruck, die Krähen würden andere Singvögel vertreiben oder gar dezimieren. Krähen seien geschützt und deshalb dürfe man sie nicht einfach abschiessen, das sei nämlich das einzige probate Mittel, um sie loszuwerden.

Viel Herumgebotenes ist falsch

In der Schweiz existieren verschiedene Krähenarten. Die am häufigsten vertretenen Unterarten sind die Rabenkrähe, zu der die Aaskrähe und die Nebelkrähe gehören. Beide haben einen schwarzen, leicht gebogenen Schnabel, der auch am Ansatz schwarz gefiedert ist. Die Nebelkrähe trägt ein grau-schwarzes Federkleid und ist eher selten zu sehen in unseren Gefilden, lediglich im Tessin gibt es Vertreter dieser Unterart. Und es gibt die Saatkrähe, die bis vor ein paar Jahren als geschützt galt (siehe separaten Artikel). Oft wird behauptet, dass es sich bei den in vielen Schweizer Städten «zur Plage gewordenen» Krähenpopulationen immer um Saatkrähen handle. In Biel zum Beispiel bevölkern Hunderte von Krähenpaaren Alleen und Parkanlagen, es handelt sich dabei fast ausschliesslich um Rabenkrähen. Im Gegensatz zur Rabenkrähe hat die Saatkrähe einen hellen, unbefiederten, am Ansatz hellgrauen, geraden Schnabel. Sie ist auch etwas kleiner als ihre Artgenossen. In Grenchen beim Hôtel de Ville haben sich aber tatsächlich die eher selteneren Saatkrähen niedergelassen.

Was tun gegen Dreck und Lärm? Abschiessen ist verboten, denn alle Rabenvögel, also Kolkrabe, Rabenkrähe, Saatkrähe, Elster und Eichelhäher, haben wie die Ringeltaube und die Türkentaube vom 16. Februar bis zum 31. Juli Schonzeit. Im städtischen Gebiet darf auch nicht «herumgeballert» werden. Einzig «Rabenkrähen, welche in Schwärmen auftreten, sind auf schadengefährdeten landwirtschaftlichen Flächen ganzjährig jagdbar», heisst es in der Jagdzeitenverordnung des Kantons.

Viktor Stüdeli, ehemaliger Witi-Sheriff und aktuell Jagdaufseher für Grenchen, bringt es auf den Punkt: «Die Tiere sind dort, wo es Futter gibt. Und solange Leute Tauben füttern oder sonst Esswaren rumliegen lassen, haben wir auch Krähen. Die natürlichen Feinde, Greifvögel wie der Habicht, fehlen in der Stadt.» In Solothurn habe man früher die Taubenplage mithilfe von Falknern eingedämmt. Das funktioniere auch bei Krähen, «aber es gibt fast keine Falkner mehr.» Im Winter will man hier einen Versuch mit einem Falkner machen, war aus dem Stadthaus zu erfahren.

Auch andere Massnahmen kämen infrage: In Zofingen sorgt beispielsweise ein Uhu aus Plastik, dessen Flügel von Passanten bewegt werden können, für einen «Krähenfreien» Platz. Seit dieser lebensgrosse, natürliche Feind auf einem Baum sitzt, suchen die Krähen vorerst das Weite. Andernorts erwägt man, die Vögel mit Drohnen zu vertreiben, die wie Falken aussehen und auch so fliegen. Das funktioniert bereits auf Flughäfen. Ob die Krähen den «Betrug» nicht durchschauen, muss sich allerdings noch zeigen.

Ja, sie fressen Singvögel, aber ...

Dass Krähen Singvogelnester ausräumen, Eier und Jungvögel fressen, sei nicht von der Hand zu weisen, bestätigt Livio Rey, Mediensprecher der Vogelwarte Sempach. «Krähen sind sehr fürsorgliche Eltern – ganz im Gegensatz zur Bedeutung des Ausdrucks ‹Rabeneltern› im Volksmund. Sie versuchen, ihre Nachkommenschaft bestmöglich zu versorgen und zu füttern.» Dass aber die Population anderer Singvögel wie Rotkehlchen, Blaumeisen, Finken, Amseln und so weiter dadurch abgenommen habe, werde durch das Monitoring der Vogelwarte seit 1999 widerlegt – ganz im Gegenteil: «Die Populationen in den Städten haben zugenommen. Bedrohte Arten gibt es vorwiegend in Landwirtschaftsgebieten und Feuchtgebieten, weil den Vögeln dort der Lebensraum geraubt wird.» Man könne auch einiges tun, um es den Nesträubern etwas zu erschweren, schreibt die Vogelwarte in einem Merkblatt: Dichte Dornsträucher und deckungsreiche einheimische Gehölze, wie Schwarz- und Weissdorn, Wildrosen oder Schwarzer Holunder, böten den Kleinvögeln relativ sichere Neststandorte. Übrigens: Lärmmessungen haben ergeben, dass Verkehrslärm bedeutend lauter ist als das morgendliche Gekrächze der Krähen. Die Vögel können verschiedene Laute von sich geben, führen «differenzierte Gespräche untereinander» und erkennen sich auch an der Stimme.