Konzentriert und mit Fingerspitzengefühl schnitzt Yuwarin Flury an einem Stück Kürbis. Man sieht bereits, was es wird: eine sorgfältig geschaffene Blume mit offenen Blüten. «Für solche Blumen brauche ich pro Stück ungefähr zehn bis dreissig Minuten, je nach dem wie detailreich sie sind», erklärt Flury und deutet auf den Korb, wo verschiedene Blumen, gefertigt aus Rettich, Kürbis und Rüebli, liegen. Für grössere Sujets brauche sie natürlich länger, teilweise mehrere Stunden. In Thailand wird mit einem speziellen Messer geschnitzt.

Wenn man möchte, dass diese Kunstobjekte nicht so schnell welken oder gar verfaulen, muss man sie kühl lagern. So werden auch die Blumen von Flury rasch mit einem feuchten Tuch bedeckt und in Tupperware im Kühlschrank verstaut. Haltbar sind sie damit ungefähr fünf Tage.

Blumige Kunstwerke sind am Entstehen.

Blumige Kunstwerke sind am Entstehen.

Teil der Kultur und Kunst

In Asien sind Schnitzereien aus Obst und Gemüse Teil der Kultur und Kunst. Vor 700 Jahren soll es in Thailand eingeführt worden sein. Dort ist es unter dem Namen «Kae Sa Luk» bekannt. «Meine Mutter war Kunstlehrerin und brachte ihren Schülern unter anderem diese Technik bei», erklärt Flury, die seit dreissig Jahren in Grenchen lebt. Sie hat sich in dieser Kunst geübt und ausbilden lassen. 

Die kurzlebigen Kunstwerke sind in Thailand vor allem dazu gedacht, die Mahlzeiten zu verschönern, denn auch in Asien gilt, dass das Auge mit isst. Doch es werden auch Wettbewerbe veranstaltet. «Beispielsweise wenn der König oder seine Frau Geburtstag hat; dann treten Universitäten mit ihren Studenten gegeneinander an und versuchen, das imposantere Kunstwerk zu schaffen», beschreibt Flury. Dargestellt würden unter anderem mit Liebe zum Detail Ausschnitte aus der Dynastiegeschichte des Königshauses.

Von Blitz und Donner

Flury hat seit 2002 an der Kürbisnacht einen Stand. In der Schweiz verbindet man das Schnitzen eines Kürbisses normalerweise mit Halloween. Bei ihrem Stand lässt sich sehen, wie andere Kulturen mit dem Gemüseschnitzen umgehen. Zu jeder Kürbisnacht denkt sich Flury ein Thema aus. Dieses Jahr wird sie sich der Wasser- und Blitzgottheit Mekla widmen. In der thailändischen Mythologie soll Donnergott Ramasura Mekla ihre Kugel abnehmen, da sich die anderen Götter daran stören. So jagt er sie schon seit Ewigkeiten und wann immer er eine donnernde Axt nach ihr wirft, blendet Mekla ihn mit ihrer Glaskugel, sodass er verfehlt.

Yuwarin Flury wird unter anderem die Figur Mekla aus dem Gemüse zeigen, aber auch Fische, da sie die Wassergottheit ist. Dabei spielt sie auch jeweils mit Elementen, zum Beispiel hat sie einmal eine geschnitzte Schlange so platziert, dass sie aus einem Baum herausschaut. An ihrem Stand, den sie zusammen mit ihrem Ehemann Daniel aufbaut, wird sie Kindern, wenn gewünscht, eine Einführung in diese Kunst bieten, indem sie unter Anleitung etwas Einfaches schnitzen dürfen.

Wichtig ist die Beschaffenheit

Inspiration holt sich Flury von Bildern und Büchern. Ehe sie mit der Umsetzung anfängt, zeichnet sie das Objekt, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie es dargestellt werden kann. Je nach dem, was sie aus dem Material schaffen will, muss sie auch mehrere Kürbisse verwenden und das Sujet mit einem speziellen Leim zusammensetzen. Die Beschaffenheit des Gemüses ist wichtig, damit das Werk gelingt.

Sie fertigt das ganze Jahr über Schnitzereien an, um nicht aus der Übung zu kommen. Immer mal wieder gibt sie Kurse und hilft auch bei Anlässen aus, wenn man dort fürs Schnitzen Personal braucht. Da die Kunstwerke nicht lange frisch bleiben, konnte Flury erst ein paar Tage vor der Kürbisnacht damit anfangen. «Gerade der letzte Abend wird erfahrungsgemäss sehr lang», lacht sie.