So etwas hat Susi Straumann (80), die Ehefrau des bekannten Grenchner Architekten Peter Straumann (79), auch noch nie erlebt. Am Montagabend, nach ihrer Aussage so gegen elf Uhr, läutete es plötzlich an ihrer Haustüre. Weil ihr Mann im Spital ist und sie in ihrem Ferienhaus in Frankreich schon einmal von Einbrechern überrascht wurde, hat sie es sich gut überlegt, ob sie überhaupt aufmachen soll. Nun, sie rang sich dazu durch und staunte nicht schlecht, als zwei Polizistinnen vor der Tür standen. Die gemischte Patrouille der Stapo und der Kapo erkundigte sich nach dem «Lärm», der aus ihrem Garten komme.

Polizeistreife klingelte

Ein Nachbar hatte die Polizei gerufen. Relativ schnell war allerdings klar, was den Nachbarn auf die Palme brachte. «In unserem Garten leben Geburtshelferkröten, die nachts deutliche Laute von sich geben», erklärte Susi Straumann den beiden Polizistinnen. Die Tiere, die selten und deshalb geschützt sind, sind unüberhörbar. Ihr Ruf hat den Amphibien im Volksmund den Namen Glögglifrosch eingebracht, erinnert er doch an einen hohen Glockenton.

Susi Straumann, nachdem die Polizei wegen Lärmbelastung vorbeikam. Es waren Glögglifrösche.

Susi Straumann, nachdem die Polizei wegen Lärmbelastung vorbeikam. Es waren Glögglifrösche.

Heute würde man vielleicht an einen Handyton denken. Der Nachbar habe offenbar gedacht, es handle sich um ein Gerät zum Vertreiben von Mardern, wie sie manchmal in Autos eingebaut werden. Susi Straumann konnte gegenüber der Polizeipatrouille rasch für Klarheit sorgen, und diese klärte in der Folge den genervten Nachbarn auf.

Die Tiere leben schon seit Jahrzehnten im Garten des Hauses, das an der Dählenstrasse, am sonnigen Westhang des Bachtelentäli gebaut wurde. «Ich hörte die Laute schon, kurz nachdem wir 1971 hier eingezogen waren, und habe mich selber lange Zeit gefragt, was das ist», berichtet die Rentnerin. «Die Tiere sind offenbar sehr scheu, denn sobald man sich näherte, hörte das Geräusch auf.»

«Von Pro Natura bestätigt»

Erst als Pro Natura einmal ein Aktionsjahr für die Geburtshelferkröte durchführte, habe sie erfahren, um was es sich handle. «Ein Vertreter der Organisation war hier und hat es bestätigt.» In Grenchen kommen die seltenen Tiere sonst nur noch beim Hupperweiher vor. 2013 hat die Organisation erneut auf die rare Amphibienart hingewiesen.

Welcher Anwohner sich vom Geräusch der Kröten gestört fühlte, weiss Susi Straumann nicht. Die direkten Nachbarn seien alle längst informiert und fühlten sich nicht gestört. Einem sei es sogar kürzlich gelungen, einen Glögglifrosch zu fotografieren.

Die Wärme zieht sie an

Der kleine Teich neben der Terrasse – er wurde anstelle des Kinderplanschbeckens angelegt, als jenes obsolet wurde – kann es allein nicht sein, der es den Geburtshelferkröten im Garten des Ehepaars Straumann wohl sein lässt. «Es dürfte vor allem die sonnige Lage sein, denn die Tiere leben am Land und brauchen den Teich nur zum Laichen», erklärt Straumann, welche sich in der Folge über ihre seltenen Gartenbewohner schlaugemacht hat.

Das kleine Naturparadies zieht auch sonst allerhand Getier an. Über dem Teich mit weiteren Amphibien kreisen Libellen, Eichhörnchen vergraben Nüsse aus dem angrenzenden Hain, wo sich wiederum Schafe am Schatten der stattlichen Nussbäume erfreuen. Auch Marder und Igel tummeln sich um das Gebäude-Ensemble: das Elternhaus vom Peter Straumann, das sein Vater Albert Straumann – ebenfalls ein durch seine Industriebauten die Stadt prägender Architekt – gebaut hat und Peter Straumanns unmittelbar angrenzendes Haus.

Einzig der Dachs gab auf

Gelegentlich komme ein Reiher, der die Lurche im Teich dezimiert. «Kürzlich hat sogar ein Dachs versucht, hier einen Bau zu graben, aber als er auf die Hausmauer stiess, gab er es auf», berichtet Susi Straumann schmunzelnd.

Sie hofft, dass auch noch andere bisher nicht informierte Nachbarn und Anwohner jetzt über die «Glögglifrösche» Bescheid wissen und sich an die Geräusche gewöhnen. «Diese gehören einfach zur Natur», meint sie.