Gewalt
Sexuelle Gewalt: «Den schwarzen Mann gibt es höchst selten»

Vor einer gelb gestrichenen Wand stehen vier weisse Sessel bereit für Gespräche, farbige Bilder hängen im Büro von Yolanda Andreoli. Zwischen zwei und acht Gesprächen führen die Grenchner Schulsozialarbeiterinnen, Yolanda Andreoli und Kathrin Vogler.

Lucien Fluri
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Yolanda Andreoli (l.) und Kathrin Vogler im Gespräch. Hansjörg Sahli

Yolanda Andreoli (l.) und Kathrin Vogler im Gespräch. Hansjörg Sahli

Solothurner Zeitung

Für die rund 1550 Grenchner Schülerinnen und Schüler teilen die beiden ein 100-Prozent Pensum. «Die Fälle nehmen zu», sagt Kathrin Vogler.

Am 7. November starten Sie ein Präventionsprojekt gegen sexuellen Missbrauch von Kindern. Waren Sie im Alltag schon damit konfrontiert?

Yolanda Andreoli: Wir haben den Parcours bereits vor drei Jahren angeboten. Es gab damals Verdachtsfälle, bei denen wir Abklärungen machen mussten.

Kathrin Vogler: Laut Schätzungen sind in der Schweiz jährlich rund 40000 Kinder betroffen. Sexueller Missbrauch passiert grösstenteils im häuslichen Bereich. Den bösen schwarzen Mann gibt es höchst selten.

Fühlen sich Eltern bei einem Verdacht nicht automatisch beschuldigt?

Andreoli: Es ist ganz heikel. Bei einem Verdachtsfall sind mehrere Fachstellen involviert, bevor man wirklich Gewissheit haben kann. Wir arbeiten in diesen Fällen eng mit der Vormundschaftsbehörde und dem Kinder- und Jugendpsychologischen Dienst zusammen. Beim letzten Parcours blieb es in allen Fällen bei Verdachtsfällen.

Wie kann man sexuelle Ausbeutung überhaupt von aussen erkennen?

Andreoli: Es ist nicht das Thema, über das Kinder als Erstes reden. Um dorthin vorzudringen, braucht es ein riesiges Vertrauensverhältnis. Oft geht es ja gerade um Vertrauenspersonen, die den Missbrauch begehen. Da das Kind die Person gern hat, fällt es ihm schwer, zu erzählen.

Vogler: «Mein Körper gehört mir» ist sehr spielerisch angelegt. Kinder benennen ihre Gefühle und Körperteile. Sie lernen, dass es gute und schlechte Berührungen gibt, und dass es schlechte Geheimnisse gibt. Denn häufig sind Missbrauchsfälle mit einem Geheimnis belegt. Es heisst: «Du darfst es niemandem erzählen.» Eine ausgebildete Animatorin geht mit den Kindern durch den Parcours, hört die Zwischentöne heraus und sammelt Anspielungen.

In ihrem Arbeitsalltag stehen oft andere Themen im Zentrum. Mit welchen Problemen kommen Schülerinnen und Schüler zu Schulsozialarbeitern?

Vogler: Das kann vom Streit mit einem anderen Schüler bis hin zu Themen wie Verlustängsten bei der Scheidung der Eltern gehen. Einige Kinder kommen mit der Schulleistung nicht mehr zurecht, andere beginnen unter Leistungsdruck, Unterschriften zu fälschen.

Andreoli: Ich habe sehr viele Oberstufenschüler. Gerade beim Übertritt in die Oberstufe, stellt sich die Frage, welche Rolle Schüler in der neuen Klasse einnehmen.

Kommen auch Eltern und Lehrkräfte auf Sie zu?

Andreoli: Hauptsächlich kommen die Lehrer auf uns zu. Sie können die Schüler zu einem Erstgespräch verpflichten – etwa bei Schülern, denen man nicht ansieht, wie es ihnen geht oder die irgendwie auffallen.

Vogler: Auch Eltern kontaktieren uns, etwa wenn sich das Kind in der Klasse nicht wohlfühlt. Auslöser für ein Gespräch kann sein, dass die kleinen Kinder die Hausaufgaben nicht machen oder nicht pünktlich in die Schule kommen. Eltern kommen auch mit Fragen zu Suchtproblemen.

Vor 50 Jahren gab es Verdingkinder, heute gibt es zu wenige psychomotorische Therapieplätze für Vierjährige. Wie lässt sich diese Veränderung erklären?

Andreoli: Heute ist man aufmerksamer und schaut eher hin. Man stellt Kinder nicht als Altersversicherung in die Welt, sondern weil man einen bewussten Kinderwunsch hat.

Vogler: Die Bedeutung der Kindheit hat zugenommen. Früher waren es die kleinen Erwachsenen, die noch nicht ganz fertig sind. Heute sind Jugendliche ein eigenes Alterssegment, das man gezielt fördern will.

Widerspricht dies nicht ein wenig der Aussage, dass die Schüler aus dem Elternhaus zu wenige Richtlinien mitbekommen?

Andreoli: Ich glaube nicht, dass Eltern weniger für ihre Kinder schauen. Man spricht ja oft von Eltern, die überbehüten. In vielen Familien müssen jedoch beide Elternteile arbeiten.

Vogler: Viele Eltern sind getrennt. Die Kinder bekommen verschiedene Werte mit, wenn sie einmal beim Vater und einmal bei der Mutter sind. Die Welt strotzt vor Erziehungsratgebern, doch diese praktisch umzusetzen, ist sehr herausfordernd.

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